Kategorie: Anknüpfungspunkte

  • Wenn Leben vor der Zeit enden

    Es gibt Ereignisse, von denen hört man, und man vergisst sie nie. Die jemenitischen Kinder, die im Schulbus bei einem Angriff des saudi-arabischen Militärs starben, die iranischen Mädchen, die bei dem US-Angriff auf ihre Schule ums Leben kamen, die russischen Jugendlichen, die in ihrem Studentenwohnheim durch einen ukrainischen Drohnenangriff starben.

    Die Erschütterung bei diesen Ereignissen ist vielleicht deshalb so tief, weil Kinder und Jugendliche, die in einer fulminanten, ständigen Entwicklung stehen, die Hoffnung auf das Voranschreiten der ganzen Menschheit nähren. Als älterer Mensch blickt man freudig auf den Tatendrang, auf die ehrlichen Gefühle und auf das Gerechtgkeitsgefühl der Jugend. Sterben junge Menschen gewaltsam durch kriegerische Akte, verliert die ganze Menschheit zuerst einmal an Potential und an Zukunftsfähigkeit.

    Dies hat der Künstler Axel Weinstein in seinem Lied „Girls from Minab“ ausgedrückt

    Hier ist auch noch eine sehr gediegene Interpretation des Liedes von Stephan Wunderlich und Aline Roüast:

    Was bleibt für uns alle, die wir mit solchen Geschehnissen konfrontiert werden? Wir könnten die Entwicklungsfähigkeit, die die Kinder lassen mussten, aufnehmen, und uns zu höchsten Idealen aufrichten.

    Was ist nun mit Menschen, die schon auf viel gelebtes Leben zurückblicken konnten und trotzdem gewaltsam vor ihrer eigentlichen Zeit im Krieg sterben?

    Ich nehme hier das Beispiel von Stanislaw Boguslawskij, einem Poeten aus Perm, der 74jährig durch eine ukrainische Drohne getötet wurde.

    Übersetzung des Umschlagtextes seiner Gedichtesammlung „Kniga is telefona“)

    „Der Autor dieses Buches wurde in der Mitte des vorigen Jahrhunderts geboren. Er studierte in Perm und machte Wehrdienst auf der Halbinsel Kamtschatka, förderte Kohle in Workuta. Er arbeitete im Arktischen Ozean als erster Assistent des Kapitäns auf dem Eisbrecher „Kapitän Melechow“, später auf dem Güterschiff „Perm“. Er hatte auch Erfahrungen als Geschäftsmann und Reisender. Sein 60-jähriges Jubiläum feierte er auf dem Everest.
    Die Gedichtsammlung „Ein Buch aus dem Telefon“ ist seine erste Erfahrung im Bereich des literarischen Schaffens. Ein Versuch, neue Angriffspunkte zu finden.“

    Man steht beeindruckt vor so einem Lebenslauf. Immer wieder neue Herausforderungen, harte Aufgaben in unwirtlichen Regionen. Anstatt diese ausführlich beispielsweise in einer Autobiographie zu beschreiben, hat sich Herr Boguslawskij dafür entschieden, sich der Gedichtsform zuzuwenden.

    Vor vielen Jahren las ich einmal einen Aphorismus, der sinngemäß lautete: „Dichten heißt, sich selbst zu öffnen, indem man das Leben verdichtet. Es heißt aber auch sich selbst zu verdichten, indem man das Leben öffnet.“ (Ich würde mich freuen,wenn mich jemand auf den Autor und den genauen Wortlaut hinweisen könnte.)

    So eine Verdichtung seiner selbst hat Herr Boguslawakij in seinen Gedichten hinterlassen. Wenn man sich ihnen zuwendet, kann man ein Empfinden dafür entwickeln, welche Werte und Ideale ihm im Leben wichtig waren. Ich meine dies nicht in einem vorschnellen, phantastischen oder emotionalen Sinn, sondern in einer wiederholten, konkreten und sachlichen Zuwendung. Es entsteht langsam ein Gefühl der Verbindung mit dem Verstorbenen.

    Der in einem kleinen Dorf an der Tschussowaja lebende deutsche Musiker Klaus Burger hat eine sehr berührende Übersetzung eines Gedichtes von Stanislaw Boguslawskij geschaffen, die ich hier veröffentlichen darf:

    Ein nüchternes Wahrnehmen und ein wiederholtes Zuwenden zur verstorbenen Person und seinen Taten und Werken –

    Was macht das mit uns? Was macht das mit der verstorbenen Seele? Was ändert sich in der Atmosphäre?

  • Über das Baltikum

    Bei der Beschäftigung mit Hermann Hesse las ich kürzlich, dass sein Großvater väterlicherseits als Arzt und russischer Staatsrat im russischen Zarenreich lebte und dass Hermann Hesse, der mir als deutscher und dann schweizer Staatsbürger bekannt war, bei Geburt auch die russische Staatsangehörigkeit hatte.

    Durch die wirtschaftlichen Aktivitäten der Hanse siedelten sich ab dem 12./13.Jahrhundert deutschsprachige Menschen in den baltischen Gegenden an und prägten dann nicht nur das wirtschaftliche, sondern auch das politische und kulturelle Leben.

    Die baltischen Staaten Estland, Lettland, Litauen grenzen an Russland, Weißrussland, Polen und an die Ostsee. Finnland und Schweden sind nahe. Erstmals wurden die baltischen Länder nach dem 1. Weltkrieg unabhängig und dann wieder ab 1990.

    Die russische Exklave Kaliningrad (Königsberg) grenzt an Litauen und die direkte Verbindung von Kaliningrad mit Russland führt durch das Baltikum.

    Ursprünglich geprägt durch die Hanse, also durch wirtschaftliche Aktivität, entwickelte sich im Bereich Königsberg/Baltikum ein überaus reges kulturelles Leben. Immanuel Kant (lebte in Königsberg), E.T.A. Hoffmann und Käthe Kollwitz (in Königsberg geboren), Arvo Pärt (estnischer Musiker), Mikhail Baryshnikow (lettischer Ballettkünstler), Sergej Eisenstein (in Lettland geborener Regisseur),… die Liste der Menschen, die zum Kulturschatz der Menschheit beitrugen, ist lang.

    Eines der bekanntesten deutschen Liebeslieder wurde in dieser Region geschaffen:

    Der Text wurde wohl ursprünglich vom Dichter Simon Dach (geboren in Preußisch-Litauen) 1636 in Königsberg für die Priestersgattin Anna Neander in „samländischem Niederdeutsch“ geschrieben. Inhaltlich wird dort die Liebesbeziehung als gemeinsamer Lebensweg beschrieben. Wenn man zusammensteht, können einem die ganzen Beschwernisse und Herausforderungen des Lebens nichts anhaben, sondern das Miteinander sogar noch bestärken. Vielleicht erklärt sich diese Schwerpunktsetzung auch dadurch, dass der Text zur Zeit der 30jährigen Kriegs verfasst wurde. Die eingängige Melodie wurde im 19. Jahrhundert von Friedrich Silcher beigefügt.

    Eigentlich wäre diese Region rund um die Ostsee prädestiniert für einen Austausch der Länder, für einen intensiven Handel, für eine Erinnerung an gemeinsame Abschnitte der Geschichte, für die Wertschätzung der Errungenschaften der Philosophie, der Dichtkunst, der Malerei, der Musik. Was für eine bittere Einengung ist es, wenn das Baltikum heutzutage nur noch unter militärstrategischen Aspekten betrachtet wird,

    Die Übersetzung des „Anke van Tharaw“ ins Hochdeutsche nahm übrigens Johann Gottfried Herder vor. Herder wurde geboren im heutigen Polen, lebte als junger Mann in Königsberg, arbeitete in Riga (heute Lettland) und kam zu seiner vollen Reife in Weimar.

    Von ihm stammen weise Aussagen zum Nebeneinander und empathischen Miteinander der Nationen.

    „Offenbar ist’s die Anlage der Natur, daß wie ein Mensch, so auch ein Geschlecht, also auch ein Volk von und mit dem anderen lerne, unaufhörlich lerne, bis alle endlich die schwere Lektion gefaßt haben.’Kein Volk sei ein von Gott einzig auserwähltes Volk der Erde, die Wahrheit müsse von allen gesucht, der Garten des allgemeinen Besten von allen gebaut werden, am großen Schleier der Minerva sollen alle Völker, jedes auf seiner Stelle, ohne Beeinträchtigung, ohne stolze Zwietracht wirken.’“

  • „…dass man Freunde bleibt, mit allen“

    Ein Teilnehmer am im vorigen Beitrag vorgestellten „East West Forum“ ist der Schweizer Pascal Lottaz. Lottaz ist ein junger Professor für internationale Beziehungen an einer Universität im japanischen Kyoto. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Neutralität.

    Zuerst fielen mir seine überaus informativen Gespräche auf seinem Youtube-Kanal Neutrality Studies auf. Ein Schweizer in Japan – das verspricht Perspektiven abseits der hierzulande üblichen Polarisierungen.

    Nun veröffentlichte Radio München einen hörenswerten Beitrag mit dem schönen Titel „Die Kunst der Neutralität“:

    Jonny Rieder interviewt Pascal Lottaz und man erfährt mehr über seinen Arbeitsschwerpunkt. Er unterscheidet situative und permanente Neutralität, erläutert die geschichtlichen Hintergünde. Während die Menschen in den letzten Jahrhunderten daran arbeiteten, Krieg zu definieren, auszuhandeln und mit Regeln zu belegen, ist man inzwischen in diffusen, andauernden Kriegen angekommen (kalter Krieg, Krieg gegen den Terror,…). Er schildert die völkerrechtlichen Übereinkommen als noch junge, weiter auszugestaltende Errungenschaften.

    Kriege sind heute oft Wirtschaftskriege, Sanktionen und Handelsbeschränkungen sind wirksame Waffen.

    Wenn man ihn erklären hört, tut sich ein großer Entwicklungsraum auf: eine neutrale Stellung muss man nicht als Rückzug oder Isolatonismus betrachten. Neutralität kann im Gegenteil sogar als besonders gut gestaltete Beziehungsfähigkeit gesehen werden: mit allen Staaten im Gespräch sein, mit allen Staaten Handel betreiben.

    Wenn mehr Menschen sich für dieses Ideal der Neutralität begeistern könnten, dann wäre eine Überwindung der Verhärtungen, der Diffamierungen, der Frontenbildung vorstellbar. Ich wünsche mir, dass diese Ideen von Herrn Lottaz große Verbreitung finden und möchte mit seinem Satz schließen: „Die Idee der Neutralität ist, dass man Freunde bleibt, mit allen.“

  • Gespräche in Istanbul

    Die Türkei hat geopolitisch und wirtschaftlich eine sehr interessante Position. Sie ist das einzige muslimisch geprägte Mitgliedsland der NATO. Sie hat bereits 1959 ihren Willen zur Assoziierung zur EWG(Vorläufer der EU) und 1987 einen Beitrittsantrag gestellt. Ein Beitritt wurde dem Land aber nie ermöglicht. Die Türkei verfolgt interessiert die BRICS-Initiative, die sich um partnerschaftlichen, verlässlichen Handel der beteiligten Länder bemüht. 2024 stellte das Land einen Antrag auf Vollmitgliedschaft bei BRICS.

    Die größte Stadt Istanbul (ca. 15 Millionen Einwohner) umfasst europäisches und asiatisches Gebiet, verbunden durch die Brücke über den Bosporus. Istanbul ist eine überaus moderne Großstadt.

    Im März 2022 initiierte der türkische Präsident Erdoğan Verhandlungen zwischen einer ukrainischen und einer russischen Delegation. Diese Verhandlungen fanden in Istanbul und Antalya statt. Leider wurde dadurch keine Beendigung der militärischen Auseinandersetzung erreicht.

    Nächstes Wochenende findet in istanbul wieder eine interessante Begegnung von Menschen aus Ost und West statt

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    Glenn Diesen, ein norwegischer Politologe schreibt darüber auf X:

    „Von Washington bis Peking, Moskau bis Teheran, Berlin bis Kairo, Neu-Delhi bis Rom, London bis Maskat, führende Persönlichkeiten aus allen Ecken der Welt kommen beim Ost-West-Forum zusammen“

    Die Personen, die sich daran beiteiligen, sind interessant (wenn ich auch nur ein Drittel davon „kenne“). Die angekündigten Themen sind Multipolarität, Friedenssicherung, die Bedeutung von Europa bis hin zu Details von regionalen Krisen.

    Hier kann man mehr darüber lesen: East-West-Forum

    Der 26.09.26 – dieses Datum kann man sich gut merken und die Themen schon vorausdenken und mit eigener Anteilnahme begleiten. Ich habe nichts darüber gelesen, wie man die einzelnen Gesprächsrunden verfolgen kann. Falls Ausschnitte auf youtube gestellt werden, werde ich das hier berichten.

    Ich hoffe sehr, dass es gelingt, in Istanbul vorurteilsfrei miteinander in Kontakt zu kommen und Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln.

  • Gastbeitrag: Reise nach Smolensk,Teil 5

    Ein wichtiger Teil unserer Reise waren die Begegnungen mit den Menschen in Smolensk.

    Die Mitarbeiter im Hotel waren ältere Damen und ein junger Mann, vielleicht ein Student? Sie waren immer zugewandt und hilfsbereit. Der junge Mann half uns zum Beispiel dabei, eine besondere Übersetzungs-App herunterzuladen, damit wir auch ohne Internet gut zurechtkommen. Er meinte, dass er lieber in Moskau oder St. Petersburg leben möchte, die jungen Menschen zieht es eben in die Großstädte.

    Während unseres Aufenthaltes ergaben sich oft interessante Gespräche. In einem Souvenirladen kamen wir mit einer Frau in ein intensiveres Gespräch. Wir erzählten ihr, warum wir nach Smolensk gekommen sind, und sie war von den Motiven unserer Reise sehr bewegt.


    An der Straße (bei der großen Baustelle) waren an jedem Tag Frauen, die Obst und Gemüse aus ihren Dörfern verkaufen. Sie sitzen den ganzen Tag geduldig dort an ihren einfachen Ständen und bieten ihre hervorragenden Produkte an.

    Aufgrund eines gesundheitlichen Problems benötigte ich fachärztliche Hilfe und fragte an einer Kasse, wo ein junger Mann Eintrittskarten für den Kreml verkaufte, ob er mir sagen kann, wo ich so einen Arzt finde. Er hat nicht nur den Weg genannt, sondern auch gleich einen Termin für mich vereinbart und den Weg abfotografiert. Er hat so freundlich und selbstverständlich geholfen, das hat mich sehr berührt.

    In den Restaurants arbeiten viele junge Menschen, auch sie waren immer freundlich und zugewandt.

    Einen älteren Mann, der gerade vom Friedhof kam, fragten wir nach einem Weg. Er erklärte es uns und ging dann zu seiner Frau zurück, die im Auto auf ihn wartete. Wir machten uns auf den Weg, haben uns aber schwer getan, uns zu orientieren. Plötzlich hupte es neben uns (auf einer vierspurigen Straße!), und es war dieses Paar, das uns spontan anbot, uns zum gewünschten Ziel zu fahren. Der Mann hatte sich sehr gefreut, dass sie uns helfen konnten. Das Paar hatte einen sehr schönen Umgang miteinander, ich habe die beiden noch immer vor Augen.

    Auf der Rückfahrt nach Minsk stiegen wir in einen sehr alten Schlafwagenzug ein. Die Menschen in Russland sind lange Zugfahrten gewohnt und können in dieser Situation tief und fest schlafen. Eine junge Frau sprach uns an, ob wir Deutsche seien und freute sich riesig, dass sie sich mit uns unterhalten konnte. Wir unterhielten uns angeregt, bis wir aussteigen mussten. Eine junge Frau im Abteil erwachte, bemerkte, dass wir uns gut unterhalten, stand auf und bot uns ganz selbstverständlich russisches Konfekt und Schokolade an. Sie fühlte sich gar nicht gestört und beharrte nicht auf ihrer Nachtruhe. Ich holte dann noch Tee für alle vom Zugsamovar.

    Eine weitere Frau, die eigentlich ein Bett gebucht hatte, bemerkte, dass wir auf diesem Bett saßen und miteinander sprachen. Sie verzichtete auf den ihr zustehenden Platz und blieb am Rande sitzen. Sie beteiligte sich dann auch am Gespräch und es ergab sich ein unkompliziertes, zugewandtes Miteinander. In Deutschland hätte wohl jeder auf seinem ihm zustehenden Platz bestanden.

    Wir erlebten immer wieder, dass man in den Begegnungen von den eigenen Absichten und Ansprüchen absehen kann und sich ganz gelassen, offen und freudig auf das Gegenüber einstellen kann. (Y.P.)

  • Gastbeitrag: Reise nach Smolensk,Teil 4

    Als unser Zug sich Smolensk näherte, es ist die erste Stadt nach der Grenze, war ich ziemlich aufgeregt und neugierig, was ich wiedererkennen würde. Der mintfarbene Bahnhof ist ein schönes, altes Gebäude. Ich habe ihn sofort wiedererkannt. Von diesem Bahnhof aus sind wir damals (1987) verreist. Eine Reise war damals mit der Gruppe, und einmal reiste ich mit meiner Zimmerkollegin auf eigne Faust nach Kaluga zu unseren Studienkollegen, die dort ein ganzes Jahr verbrachten. Damals waren die Bahnhöfe voller Menschen mit viel Gepäck, die lange Zeit warten mussten und teilweise auch schliefen. Man musste früher viel Zeit investieren, um die Reise zu vollenden.

    Also, dieser Bahnhof war mir vertraut.

    Ich wollte gleich die Rückfahrkarten kaufen, damit die Sache erledigt ist. Das war eine sehr gute Idee, denn, wie sich herausstellte, hätten wir fast keine mehr bekommen. Da man immer durch eine Kontrolle muss, wartete mein Mann draußen. Man zieht ein Billet und mit dieser Nummer wird man dann an den Schalter gerufen. Die Frau am Schalter war sehr freundlich. Ich verstand vieles nicht und entschuldigte mich für mein schlechtes Russisch. Es ist interessant, wenn man die Sprache nur teilweise versteht: man interpretiert die Aussagen, überlegt, was sie gefragt haben könnte und kommt dann schon zusammen. Im Nachhinein glaube ich, dass sie gefragt hat, ob wir Bettwäsche brauchen, weil es sich um einen Schlafwagen handelte. Sie malte mir dann die Betten auf, die wir aber dann bei der Rückfahrt gar nicht in Anspruch nahmen. (Der Zug fuhr weiter nach Kaliningrad, aber wir stiegen ja in Minsk schon wieder aus.)

    Diese Begegnung mit der netten Frau am Schalter, sie hieß Anna, ging mir nicht aus dem Sinn und ich hatte das Bedürfnis, mich bei ihr für ihre Geduld zu bedanken. Ich hatte zuhause kleine Geschenke vorbereitet, und ich ging ein paar Tage später in den Bahnhof und suchte Anna. Sie saß an einem anderen Schalter, erkannte mich von weitem und winkte mir zu. Das war etwas,was mich hoch erfreute. Ich musste eine Weile warten, weil sie Kunden hatte. Ich sprach ein paar Sätze mit ihr und übergab ihr das Geschenk. Wenn man so weit weg von daheim ist, fühlt man sich durch solche Begegnungen doch auch dort zuhause, es ist schwer zu beschreiben. Ich kann weder die Sprache richtig gut, noch könnte ich unbeschwert in dem Land leben, noch kenne ich mich gut aus. Aber in dem Moment, wo man in den Bahnhof geht, sich orientiert und das Ziel hat, Anna zu finden, und sie freut sich und winkt einem zu – dann ist für einen Moment irgendwie ein Band gewoben. Auch wenn das nur kurz ist, ich kann das immer wieder in Erinnerung rufen. Solche Erlebnisse machen die Reise aus. Auch heute fühle ich mich verbunden.

    Zurück zur Ankunft in Smolensk. Kein Taxi wollte uns fahren, man sagte uns, wir seien ganz nah. Es war ein Schreck: uns erwartete eine riesige Baustelle. Wir gingen mit unseren Koffern durch den Staub und standen dann schließlich vor dem sehr einfachen Hotel. Es war sehr schwierig, von zuhause aus ein Hotel zu buchen, da man es ja auch nicht bezahlen kann. Sie hatten aber auf Emails geantwortet und so haben wir uns dafür entschieden. Die Bedingungen waren einfach, innen war es aber mit alten Holzmöbeln und Holzdecken ausgestattet. Holzschnitzereien im Speisesaal erinnerten an die Zarenzeit. Es war insgesamt einfach, aber wir fanden uns zurecht.

    Wir fanden heraus, dass auf der Straße vor dem Hotel (Klein-)busse fuhren. Der Fahrpreis ist günstig und für alle Fahrstrecken gleich.

    Wir besuchten mehrmals einen großen Park, an den ich mich von meinem ersten Aufenthalt noch ein wenig erinnerte. Dieser Park wurde für uns zu einem Mittelpunkt des Aufenthalts: ein Fluss, auf dem man auch mit Gondeln fahren konnte, ein Denkmal für den Komponisten Glinka, bei dem auch Musik ertönte, Springbrunnen, durch die die Kinder hindurchliefen, ruhigere Abschnitte,wo man ich auf einer Bank zurückziehen konnte.

    Wir erlebten sehr klares Sonnenlicht, das die Farben in diesem Park wunderbar hervorbrachte.Die Luft war klar und frisch, wir fühlten uns in diesem Park wie in einem Luftbad und erholten uns sehr gut.

    Der Fluss, der durch Smolensk fließt, heißt Dnjepr. Er ist zwar sehr lang, aber bei Smolensk noch sehr jung. Den schönsten Blick auf den Fluss hatten wir flussaufwärts. Wir sahen einen alten Brückenrest, an dem sich gerne Jugendliche trafen. Der Blick von dort auf den Fluss war sehr anziehend.


    Am letzten Tag machten wir einen Ausflug nach Teremok (https://westundost.de/2026/08/04/reise-nach-smolensk-teil-1/).

    Teremok war um die Jahrhundertwende (19./20. Jh) ein Künstlerdorf, ca.25 km außerhalb von Smolensk. Es war nicht leicht, herauszufinden, wo der Bus abfährt. Wir fuhren durch ganz einfache Dörfer und sahen schlichte Häuser mit wunderschönen Gärten. Teremok ist ein schönes Naturgelände mit einigen alten Häusern mit typischer russischer Holzkunst.

    Das Spiel zwischen Sonne, Wind, Bäumen und Häusern war so bezaubernd, ich wünschte, ich hätte malen können. Die Kirche war eingezäunt, weil sie restauriert wird. Ein Moskauer fasste sich ein Herz und überwand den Zaun und wir taten es ihm gleich. Die Wiederbegegnung mit dem Jesusporträt von Nikolai Röhrich war sehr berührend. Junge Künstler haben dieses Kunstwerk restauriert. https://westundost.de/2026/05/25/ueber-nikolaj-roerich/ (Y. P:)

  • Polen und Russland

    Ich habe gestern auf youtube ein Gespräch zwischen Patrik Baab und dem polnischen Journalisten Jan Opielka angesehen.

    Polen wirkte auf mich in den letzten Jahren als konflikttreibend, was den Ukrainekrieg betrifft. Ich habe auch in meinem Umfeld Aussagen von Menschen aus Polen gehört, die starke Ressentiments gegenüber Russland zeigten.

    Opielka beschreibt im Gespräch, dass viele Polen anfangs sehr große Unterstützung für die Ukraine zeigten. Dies betraf nicht nur Waffenlieferungen und Logistik, sondern er sagt, dass anfangs 2 Millionen Polen Ukraineflüchtlinge bei sich aufnahmen. Inzwischen macht sich Ernüchterung und auch Skepsis breit.

    Opielka benennt Tragödien und Traumata aus der polnischen Vergangenheit. Er bezeichnet die „antirussischen Reflexe und Komplexe“ der Polen als nachvollziehbar, aber er sieht auch, dass die Ängste ins Irrationale gehen. Außerdem sieht er eine fast religiöse Anbindung an die USA, man unterstütze „blind“ alles, was sich gegen Russland richte. Dies werde zudem von Thinktanks und Medien verstärkt. Im Gespräch mit Herrn Baab zeigt er eine durchgängige Haltung, die ich als zutiefst humanes „nüchternes Mitgefühl“ bezeichnen möchte.

    Am Ende des Gesprächs zeigt er in beeindruckender Weise, wie er die „Wut“, die er im Zusammenhang mit dem Krieg verspürt, verarbeitet: Er singt ein selbstgeschriebenes Lied („Schwarzes Meer“), in dem er dazu aufruft, nicht „Bauer in dem Krieg“ zu sein.(„Sei kein Bauer in nicht deinem Krieg“)

    Das Gespräch hat mich nicht nur mit vielen Informationen über die polnische Geschichte und Interessen und Bedürfnisse der polnischen Bevölkerung bereichert, sondern hat mich auch bewegt: Wie fördert man eine realistische, rationale Beziehung zwischen Menschen und Völkern, wenn in der Vergangenheit so viele ungerechte, grauenhafte Taten geschahen? Wie kann man die spontanen Gefühlsaufwallungen, die oft die eigenen Haltungen und Handlungen leiten, läutern und auf ein besseres Niveau bringen? Ein Weg dazu scheint die Kunst zu sein.

    Eine gute Bekannte, die in einem „Ostblockland“ aufgewachsen ist, erzählte mir, dass die Menschen in ihrem Heimatland aufgrund der Vergangenheit Vorbehalte gegenüber Russland haben. Gleichzeitig machte sie mich aber auf das Lied von Wladimir Wyssozki „Über einen Freund“ aufmerksam. Echte Kunst berührt die Menschen und verbindet sie über die Nationen hinweg.

    Im Lied beschreibt Wyssozki, dass man einen Freund nicht im oberflächlichen Alltag erkennt, sondern erst, wenn man gemeinsam Prüfungen durchsteht.

    In der letzten Woche war ich in Dessau und erlebte dort ganz unerwartet den Künstler Tino Eisbrenner, wie er auf der Wahlkampfbühne des BSW eben dieses Lied vortrug. Daher hier noch eine ältere Aufnahme von Herrn Eisbrenner mit der deutschen Version des Liedes:

  • Gastbeitrag: Reise nach Smolensk, Teil 1

    Wenn man Frieden nicht nur als Abwesenheit von Kampfhandlungen, sondern in einem umfassenderen Sinn versteht als Interesse am Anderen, als Wunsch, den Anderen in seiner Entwicklung zu fördern und gemeinsam wachsen zu wollen, dann kann es ein wertvolles Unterfangen sein, auf die andere Seite zuzugehen.

    Während die Bundesbürger, die im Westen aufgewachsen sind, oft nur über Literatur und Kunst einen Bezug zur Sowjetunion hatten, so sind viele ehemalige DDR-Bürger in direkten Kontakt gekommen, über berufliche Kontakte oder z.B. über Austauschprogramme.

    Die nächsten Beiträge stammen von einer Gastautorin, die im Winter 1987/88 ein halbes Jahr in Smolensk verbrachte. Nun reiste sie im Juli 2026 wiederum nach Smolensk und schildert hier ihre Eindrücke.

    Auf nach Smolensk

    „1987 war ich Studentin an einer Hochschule und habe unter anderem Russisch studiert. Diese Sprache ist mir sehr, sehr schwer gefallen. Ein Bestandteil des Studiums war ein Auslandsaufenthalt in Russland, entweder für 6 Monate oder für ein Jahr. Dieser Auslandsaufenthalt hat mich gereizt, ein ganzes Jahr habe ich mir aber nicht zugetraut. Das Land war damals in furchtbaren Zuständen. Es fand ein Ausverkauf statt, es gab skrupellose Geschäftleute aus dem In- und Ausland, die sich bereicherten und das Land in die Armut führten. Die Regierung hatte sich damals nicht gekümmert. Wir sind mit dem Zug gefahren, die Fahrt ging drei Tage und drei Nächte. Wir sind auch viel gestanden, der Zugverkehr war damals nicht wie heute. Wir waren eine große Gruppe von Studentinnen, und ein Dozent fuhr mit uns mit.

    Das Internat

    Ich erinnere mich an den erschütternden Anblick des Internats, wo wir für das halbe Jahr leben sollten. Es war ein Haus, das vom Fundament her schon abgerutscht war. Es machte den Eindruck, es würde nicht mehr lange halten, und wir trauten uns fast nicht, den Fahrstuhl zu benutzen. Das Zimmer, wo wir wohnen sollten, glich eher einer Strafanstalt als einem Internat. Ein kleiner, alter Holzschrank, ein Regal, alte Fenster, durch die die Kälte des Winters hereinkroch, ein Tisch, zwei Stühle. Die Betten wie aus einem Metallgitter mit alten Matratzen drauf. Für uns war das sogenannte Bad aber noch mal eine ­harte Herausforderung: Es gab nur ein kleines Waschbecken und über einen Monat kein warmes Wasser, das war nach über drei Tagen Zugfahrt nicht sehr angenehm. Ich erinnere mich, dass wir uns mit Geschick und Fantasie aber so einrichteten, dass jeder Zahnputzbecher doch seinen Platz fand, und dass wir die Toilette benutzen konnten, ohne uns zu ekeln. Wir hatten auch Sachen mitgenommen, mit denen wir uns das Zimmer verschönern konnten. Als wir ankamen, wollte meine Zimmerkollegin uns einen schönen Tee kochen. Sie hatte einen wunderbaren Tee, der in der DDR sehr teuer war, dabei. Wir freuten uns schon sehr darauf. Als sie mit den Teetassen ankam, schwamm eine weiße Schicht obenauf, das Wasser war sehr verkalkt.

    Erstes Kennenlernen

    Es war gut, dass wir jung waren. Es kam uns hart an, aber mit der Zeit gewöhnten wir uns an alles und nutzten die Zeit.

    Ich las unter anderem Dostojewski und wir wühlten uns durch die russische Geschichte.

    Die Armut war groß unter den Menschen. Wir wussten anfangs nicht, was wir kochen sollten. Gemüseläden gab es nicht, wir fanden nur Läden vor, in denen es Gläser mit Rot- und Weißkraut gab. Etwas Frisches fanden wir nicht. Schließlich machten uns Bekannte, junge russische Männer, die uns in den nächsten Monaten auch öfter ausführten, auf einen Schwarzmarkt aufmerksam. Wir suchten diesen auf und waren erstaunt: da gab es alles in Hülle und Fülle. (Auch heute ist es in Smolensk noch so, dass die Menschen aus den umliegenden Dörfern in die Stadt fahren und, auf kleinen Holzkisten sitzend, ihre unglaublich guten Produkte anbieten.) Damals wurden auch Vögel und ganze, abgetrennte Tierköpfe verkauft (was für uns natürlich furchtbar war). Wir erstanden damals frisches Obst und kauften Auberginen. Die kannten wir aber noch gar nicht, es gab sie bei uns nicht. Wir brieten sie an und fanden sie ganz vorzüglich.

    Kälte und Erschwernisse

    Es war ein sehr, sehr harter Winter. Ich kann mich an die Kälte erinnern. Wir versuchten, die Kälte mit kleinen Heizgeräten im Zimmer zu lindern, überforderten aber damit öfter die Sicherung. In Smolensk liefen auch viele Hunde herum, manche mit nur drei Beinen, die hungrig waren. Es lag viel Müll herum, viele spuckten auf die Straße. Es war eine Zeit, in der viel Alkohol konsumiert wurde, viele Menschen standen danach Schlange.

    Ausflüge

    Unsere Studentengruppe unternahm viele Ausflüge. Wir waren in Moskau und St. Petersburg. Aber am meisten erinnere ich mich an das eiskalte und kristallklare Nowgorod. Es war so kalt und faszinierend. Wir wärmten uns in der Kirche an den Kerzen. Den Kreml und vor allem die glasklare Winterluft mit der Sonne – das habe ich in sehr guter Erinnerung behalten.

    Einen Ausflug haben wir mit unseren russischen Bekannten gemacht: wir sind weit rausgefahren und dann durch den Wald gelaufen. Plötzlich standen wir vor einer alten, verfallenenen Holzkirche. Darauf war ein Mosaik mit einem Jesuskopf. Alles war verblichen und wie ich heute erfuhr, hatte man damals in dieser Holzkirche Düngemittel gelagert. Um die Situation in der Sowjetzeit zu verstehen, lohnt es sich, Stefan Zweigs „Reise nach Russland“ zu lesen. Man hat damals diese Kunstschätze nicht geschätzt. Der Jesuskopf an der Kirche hat mich damals tief beeindruckt und so war es ein großes Glück, dass ich ihn auf unserer Reise in diesem Jahr wiedersehen konnte.

    Die Eindrücke, die geblieben sind

    Ich erinnere mich an die Menschen, die uns dort aufgenommen und uns unser Dasein dort erträglich gemacht haben. Wir waren sicher in den Auge der Russen „verwöhnt“. Der DDR ging es damals viel besser, wir hatten eine schöne Wohnung mit Heizung und fließend warmen Wasser, ein Bad mit Wanne und ein Klo mit Wasserspülung. Wir hatten in dieser Zeit eigentlich auch keine Geldnot. Wir konnten uns relativ viel kaufen und haben uns nun Gemüse auf dem Schwarzmarkt gekauft.

    Die Dozenten waren alle sehr nett und überhaupt: wenn wir es mit den russischen Menschen zu tun hatten, so war irgendwie immer Heiterkeit und Freundlichkeit anwesend.

    Von Smolensk 1987/88 sind mir keine konkreten Bilder, sondern eher Eindrücke, eher ein Empfinden zurückgeblieben: das hat mit der Geschichte, der Literatur und den Menschen zu tun. Auch wenn mir die Sprache schwerfiel, haben wir uns mit diesem Land verbunden gefühlt. Man muss dazu sagen, dass wir wirklich sehr jung waren. Ich habe damals auf dieser Reise das Land nicht sehr tief aufgenommen, aber ich weiß, in den kalten Tagen, als ich auf dem Bett gelegen habe und Dostojewski oder russische Geschichte gelesen habe, war ich tief bewegt. Die russische Geschichte sollte man kennen, um das ganze Land zu verstehen.

    Damals hätte ich nie gedacht, dass ich diese Stadt wiedersehe, denn die Verbindung zu Russland ist erst mit den Lebensjahren entstanden und hat sich tiefgründig durch die Literatur, die Musik, die Kunst ausgearbeitet. Spontan bin ich auf die Stadt als Reiseziel gekommen, weil hier ein Anknüpfungspunkt bestand.“ (Y.P.)

  • Übergänge

    Perspektivenwechsel

    Neulich war ich paddelnd am See unterwegs und betrachtete dieses Seerosenfeld.

    Man sieht das Wasser, die Seerosenblätter, die Seerosen, das Schilf und dahinter die Laubbäume. Ich kenne diesen Ort auch von der anderen Seite her:

    Ein Weg unter den Bäumen hindurch zu einem kleinen Badeplatz. Man ahnt das Schilf, von den Seerosen und vom See ist nichts zu sehen. Man blickt aus dem Dunkeln ins Licht. Der Eindruck ist ein ganz anderer.

    Es ist oft so, dass wir Orte, Dinge, Menschen immer wieder aus einer ähnlichen Perspektive sehen. Dann ist es eine sehr belebende Übung, sich ganz konkret vorzustellen, wie das von einem anderen Standpunkt aus aussehen würde.

    Die Ausstiegsstelle mit dem Kajak. Welcher Anblick wird sich zeigen, wenn ich mich an Land umdrehe? Ich verweile und stelle es mir konkret vor.

    Es ist schön, wenn man die eigene konkrete Vorstellung auch mit der Wirklichkeit abgleichen kann, wie hier.

    Durch diesen Perspektivwechsel präzisiert sich die Wahrnehmung, die Vorstellungskraft wird trainiert und man wird auch wendiger darin, eigene Fehlvorstellungen zu erkennen und zu korrigieren.

    Übergänge

    Am ersten Foto in diesem Beitrag zeigt sich der Übergang vom Wasser zum Land: die Seerosen, dann das Schilf, dann die Bäume. Der Übergang vom Wasser zum Land kann vom Menschen gestaltet und dadurch erleichtert werden, als Beispiel zeige ich hier ein Bootshaus:

    Das Bootshaus ermöglicht einen geordneten Übergang vom Land zum Wasser. Vom Land her ist es wichtig, einen guten Zugang zu haben. Eine Straße in der Nähe, einen guten Weg zum Bootshaus, vielleicht noch einen wettergeschützten Sitzplatz? Die Sachkenntnis und Wahrnehmungsfähigkeit des Erbauers kann den Benutzern den Übergang vom Land zum Wasser erleichtern.

    Vom Wasser her kommend, braucht der Ruderer eine gute Einfahrt. Der Bootshauserbauer berücksichtigt beim Bau die Ufergegebenheiten, die Himmelsrichtungen, den Wechsel des Pegelstandes, die verwendeten Boote und vieles mehr. Wie wird das Bootshaus auf der anderen Seite aussehen?

    Oh… – wer beim vorigen Foto genau hingeschaut hat, hat es vielleicht schon geahnt: der Wasserspiegel ist derzeit so niedrig, dass das Bootshaus seiner Funkton nicht nachkommen kann.

    Auch beim Aufeinandertreffen von Mensch zu Mensch oder beim Aufeinandertreffen von Kulturen ist der Perspektivwechsel hilfreich, darüber hinaus erleichtern Takt und Empathie die gelungene Begegnung.

    Diesen Übergang, diesen Begegnungsraum, aufmerksam zu betrachten und zu gestalten, kann bereichernd sein.

    In diesem Video zeigt der Landwirt Martin Ott ab Minute 37:25 bis 40:20, welchen Mehrwert ein gestalteter Übergangsbereich in der Natur bietet. Er kann diesen Übergangsbereich kundig gestalten, da er sowohl (in diesem Beispiel) den Wald als auch die Wiese kennt.

    Als Mittler zwischen Kulturen möchte ich hier Ahmet Aydin vorstellen:

    Ein junger Dichter, der mit der Spiritualität des Islam vertraut ist und als junger Mann seine Liebe zu den Weimarer Künstlern entdeckte.

    https://www.instagram.com/westoestlicherpoet

    Ein Mensch, der beide Kulturen kennt und Brücken bauen kann und will.

  • Ilja Repin: Die Wolgatreidler

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ilya_Repin_-Barge_Haulers_on_the_Volga-_Google_Art_Project.jpg

    Dieses Gemälde von Ilja Repin ist eines der bekanntesten Kunstwerke. Eine Gruppe von Männern zieht einen Kahn wolgaaufwärts. Man sieht ihnen die harte, schwere Arbeit an. Die Arbeit wirkt routiniert und aufeinander abgestimmt. Im Zentrum steht ein jüngerer Treidler, der sich aufrichtet, den Blick in die Weite richtet. Seine Herzregion ist auch farblich hervorgehoben. Am rechten Bildrand erscheint in der Ferne ein Zeichen der neuen Zeit: ein Dampfschiff.

    Dieses Bild wird oft als Zeichen der körperlichen Kraft und Leidensbereitschaft der Bevölkerung an der Wolga gedeutet.

    Im Artikel https://www.bpb.de/themen/europaeische-geschichte/geschichte-im-fluss/210102/treidler-an-der-wolga/ wird darüberhinaus auch auf die geordnete Abstimmung in der Gruppe – der Lotsen, der erfahrenen Treidler und der jungen Unerfahreneren – verwiesen. Ebenso gehörten Kenntnisse über Untiefen, Wasserstand und eine gute Zeitplanung zur Aufgabe.

    Ich möchte hier vor allem auf den jungen Treidler hinweisen: Inmitten der wichtigen und gewohnten Arbeit hält er inne, erhebt sich und blickt umher. Er löst sich für einen Moment aus der Gewohnheit und richtet sich auf.

    Dies scheint mir ein wichtiger Aspekt zu sein. Auch heutzutage sind wir oft fest in unserem gewohnten Handeln eingebunden. Wir haben unsere Arbeit bisher meist als sinnvoll erlebt und hinterfragen sie selten. Gleichzeitig erleben wir große Umbrüche, viele Systeme sind am Wanken und können den Anforderungen der Zeit nicht mehr gerecht werden. Ein Innehalten, ein Aufrichten und Durchatmen kann helfen, die Gleichzeitigkeit von Altem und Neuem besser zu ertragen, besser einordnen zu können. Ein Selbstvertrauen, das auf dem bisher Geleisteten gründet, in Verbindung mit einem weiten Blick nach vorne (und nach oben) und der Wahrnehmung der Anforderungen der Gegenwart – darin sehe ich unseren Entwicklungsraum.

    Als Abschluss dieses Beitrages noch eine schöne Ausgestaltung des bekannten Lieds der Wolgatreidler: