Kategorie: Literatur

  • Der Meister und Margarita

    Eine Freundin wies mich darauf hin, dass vor kurzem Michail Bulgakows 135. Geburtstag gefeiert wurde und dass dieser Autor in Russland sehr geliebt wird. Ähnlich wie Goethes Faust thematisiert Bulgakows großes Werk „Der Meister und Margarita“ Gut und Böse, das Streben der Menschen, ihre Schwächen und Verstrickungen. Eine zentrale Aussage des Romans ist, dass die Feigheit die größte Sünde des Menschen sei.

    Was ist die Feigheit eigentlich?

    „Im Brockhaus von 1894 wird die Feigheit beschrieben als ‚habitueller Zustand des Gemüts, in welchem sich der Mensch vor Gefahren oder Schmerzen in dem Grad scheut, daß dadurch einesteils seine Freiheit und Thatkraft gelähmt, andernteils sein Gefühl für Ehre und Schande abgestumpft wird.‘ “ (aus wikipedia). Dadurch behindert sich der Mensch eigentlich selbst, er verschattet sich und verweigert sich den Entwicklungsschritten, die für ihn zur vollen Entfaltung seiner selbst nötig wären.

    Im Roman wird deutlich, dass die Feigheit, wenn also Menschen die Wahrheit erkennen oder erahnen, aber aus Verhaftungen an niederen Motiven nicht der Wahrheit entsprechend handeln, weitreichende Folgen hat. Im Handlungsstrang mit Pontius Platus wird aufgezeigt, wie seine eigene Feigheit weite Kreise zieht und Menschen in seinem Umkreis mitvereinnahmt. Pilatus selbst ist dazu verurteilt, seit fast 2000 Jahren in jeder Vollmondnacht an Schlaflosigkeit zu leiden. Er ist unruhig, ohne Frieden und wird an seine Schuld erinnert. Er sieht nicht das wahre Licht, die Sonne, sondern leidet im reflektierenden Licht des Mondes.

    Erlöst wird Pilatus schließlich durch das künstlerische Werk des „Meisters“, der in einem Roman mit Wahrheitsstreben und Mitgefühl das Schicksal des Pilatus nachzeichnet.

    Michail Bulgakow (1891 – 1940)

    Neben diesem Handlungsstrang beinhaltet der Roman eine Beschreibung Moskaus nach der Revolution, die Angst vor und die Anbindung an gesichtslose Autoritäten (z.B. die Miliz), die Allgegenwart von Zensur, Überwachung und Kontrolle. Manche Beschreibungen wirken auch aus der heutigen gesellschaftlichen Situation erschreckend vertraut. Ebenso bietet der Roman eine fulminante, groteske und überaus lustige Beschreibung, was die Erscheinung des Teufels in der Moskauer Gesellschaft auslöst.

    Im Faust beschreibt Goethe, dass erlöst werden kann, „wer immer strebend sich bemüht“. Unterstützt durch „das ewig Weibliche“ kann der Mensch sich erheben.

    Bei Bulgakow wird noch etwas anderes betont: das Mitgefühl eines anderen Menschen. Die Hinwendung von Margarita zum Meister, vom Meister zu Pilatus, von Margarita zur Kindsmörderin Frida, von Jeshua zu allen Menschen (er sieht in jedem Menschen das Gute).

    Dieser Roman ist nicht nur ein großes Lesevergnügen, er enthält auch viele Motive, die man noch lange Zeit in sich bewegt und vertieft. Ein wahres Kunstwerk

  • Stefan Zweig: Reise nach Russland

    Diese Reisebeschreibung hat es in sich: Stefan Zweig war 46 Jahre alt, ein großer Schriftsteller, der Briefkontakt zu Maxim Gorki hatte und nun von der sowjetischen Regierung zur Feier von Tolstois 100. Geburtstags eingeladen wurde. Neugierig und offen besuchte er das Russland nach der Revolution und beschrieb, was er sah. Trotz seiner Distanz zu Agitation und Ideologie vermochte er, das Gesehene ausdrucksstark zu beschreiben. Man erkennt, wie sehr ihn die Leidensfähigkeit des russischen Volkes, auch der russischen Künstler, die teilweise in großer Armut lebten, bewegte. Wenn er vom „kühnste(n) soziale(n) Experiment, das je ein Volk mit sich selbst versucht“, schreibt, kann man seine Erschütterung nachempfinden.

    Hier hatte ich beim Erstellen des Beitrags einen Youtubelink zu einem Hörbuch des Russlandreiseberichts verlinkt. Leider ist das Video nicht mehr verfügbar.

    Unter diesem Link kann man aber den Text lesen:https://projekt-gutenberg.org/authors/stefan-zweig/books/reise-nach-russland/chapter/2/

    Er beschreibt seine Eindrücke beim Gang durch Moskau, das Nebeneinander von altem Glauben und dem „neuen Geist“. Er besuchte die offizielle Feier zu Tolstois Ehren und besuchte auch dessen Grab auf dem Landgut Jasnaja Polijana. Bei der Beschreibung des eindrucksvollen, weil einfachen und schmucklosen Grabs („herrlich schweigendes, rührend namenloses Grab im Walde“)fühlt man sich an Tolstois Erzählung „Wie viel Erde braucht der Mensch“? erinnert.

    Er reiste auch nach Leningrad und wurde dort vom Direktor durch die Schatzkammer der Eremitage geführt. Dies, sowie seine Beschreibung der aufblühenden Museen, der Aktivität der jungen Dichter, sind trotz ihrer Zeitbedingtheit auch heute noch lesenswert.

    Hier am Ende noch ein paar Zitate von Stefan Zweig:

    “ Wir haben alle, unbewusst oder bewusst, an Rußland ein Unrecht getan und tun es noch heute. Ein Unrecht durch Nichtgenugwissen, durch Nichtgenuggerechtsein.““

    „Die Hälfte aller Urteile über das gegenwärtige Russland sind leider heute Vorurteile, das heißt, vor das eigene Blickfeld geschobenene starre Standpunkte, die andere Hälfte Nachurteile, das will sagen, anderen nachgeredete Meinungen. Und erfahrungsgemäß ändern solche persönliche Prophezeiungen so wenig wie Zimmerprognosen das wirkliche Wetter, den unerschütterlichen Gang der Geschichte.“

  • Die beiden Welten – Gedicht von J. W. von Goethe

    Wer sich selbst und andre kennt,
    Wird auch hier erkennen:
    Orient und Okzident
    Sind nicht mehr zu trennen.

    Sinnig zwischen beiden Welten
    Sich zu wiegen, lass ich gelten;
    Also zwischen Ost und Westen
    Sich bewegen, sei’s zum Besten.

    In einer Zeitenwende, in der Brücken bewusst eingerissen werden, sich der bereits vorhandenen Brücken zu besinnen, sowie neue Brücken zu erahnen und auszugestalten – das ist etwas, was jeder Einzelne auch derzeit leisten kann.