Kategorie: Gastbeiträge

  • Gastbeitrag: Reise nach Smolensk,Teil 4

    Als unser Zug sich Smolensk näherte, es ist die erste Stadt nach der Grenze, war ich ziemlich aufgeregt und neugierig, was ich wiedererkennen würde. Der mintfarbene Bahnhof ist ein schönes, altes Gebäude. Ich habe ihn sofort wiedererkannt. Von diesem Bahnhof aus sind wir damals (1987) verreist. Eine Reise war damals mit der Gruppe, und einmal reiste ich mit meiner Zimmerkollegin auf eigne Faust nach Kaluga zu unseren Studienkollegen, die dort ein ganzes Jahr verbrachten. Damals waren die Bahnhöfe voller Menschen mit viel Gepäck, die lange Zeit warten mussten und teilweise auch schliefen. Man musste früher viel Zeit investieren, um die Reise zu vollenden.

    Also, dieser Bahnhof war mir vertraut.

    Ich wollte gleich die Rückfahrkarten kaufen, damit die Sache erledigt ist. Das war eine sehr gute Idee, denn, wie sich herausstellte, hätten wir fast keine mehr bekommen. Da man immer durch eine Kontrolle muss, wartete mein Mann draußen. Man zieht ein Billet und mit dieser Nummer wird man dann an den Schalter gerufen. Die Frau am Schalter war sehr freundlich. Ich verstand vieles nicht und entschuldigte mich für mein schlechtes Russisch. Es ist interessant, wenn man die Sprache nur teilweise versteht: man interpretiert die Aussagen, überlegt, was sie gefragt haben könnte und kommt dann schon zusammen. Im Nachhinein glaube ich, dass sie gefragt hat, ob wir Bettwäsche brauchen, weil es sich um einen Schlafwagen handelte. Sie malte mir dann die Betten auf, die wir aber dann bei der Rückfahrt gar nicht in Anspruch nahmen. (Der Zug fuhr weiter nach Kaliningrad, aber wir stiegen ja in Minsk schon wieder aus.)

    Diese Begegnung mit der netten Frau am Schalter, sie hieß Anna, ging mir nicht aus dem Sinn und ich hatte das Bedürfnis, mich bei ihr für ihre Geduld zu bedanken. Ich hatte zuhause kleine Geschenke vorbereitet, und ich ging ein paar Tage später in den Bahnhof und suchte Anna. Sie saß an einem anderen Schalter, erkannte mich von weitem und winkte mir zu. Das war etwas,was mich hoch erfreute. Ich musste eine Weile warten, weil sie Kunden hatte. Ich sprach ein paar Sätze mit ihr und übergab ihr das Geschenk. Wenn man so weit weg von daheim ist, fühlt man sich durch solche Begegnungen doch auch dort zuhause, es ist schwer zu beschreiben. Ich kann weder die Sprache richtig gut, noch könnte ich unbeschwert in dem Land leben, noch kenne ich mich gut aus. Aber in dem Moment, wo man in den Bahnhof geht, sich orientiert und das Ziel hat, Anna zu finden, und sie freut sich und winkt einem zu – dann ist für einen Moment irgendwie ein Band gewoben. Auch wenn das nur kurz ist, ich kann das immer wieder in Erinnerung rufen. Solche Erlebnisse machen die Reise aus. Auch heute fühle ich mich verbunden.

    Zurück zur Ankunft in Smolensk. Kein Taxi wollte uns fahren, man sagte uns, wir seien ganz nah. Es war ein Schreck: uns erwartete eine riesige Baustelle. Wir gingen mit unseren Koffern durch den Staub und standen dann schließlich vor dem sehr einfachen Hotel. Es war sehr schwierig, von zuhause aus ein Hotel zu buchen, da man es ja auch nicht bezahlen kann. Sie hatten aber auf Emails geantwortet und so haben wir uns dafür entschieden. Die Bedingungen waren einfach, innen war es aber mit alten Holzmöbeln und Holzdecken ausgestattet. Holzschnitzereien im Speisesaal erinnerten an die Zarenzeit. Es war insgesamt einfach, aber wir fanden uns zurecht.

    Wir fanden heraus, dass auf der Straße vor dem Hotel (Klein-)busse fuhren. Der Fahrpreis ist günstig und für alle Fahrstrecken gleich.

    Wir besuchten mehrmals einen großen Park, an den ich mich von meinem ersten Aufenthalt noch ein wenig erinnerte. Dieser Park wurde für uns zu einem Mittelpunkt des Aufenthalts: ein Fluss, auf dem man auch mit Gondeln fahren konnte, ein Denkmal für den Komponisten Glinka, bei dem auch Musik ertönte, Springbrunnen, durch die die Kinder hindurchliefen, ruhigere Abschnitte,wo man ich auf einer Bank zurückziehen konnte.

    Wir erlebten sehr klares Sonnenlicht, das die Farben in diesem Park wunderbar hervorbrachte.Die Luft war klar und frisch, wir fühlten uns in diesem Park wie in einem Luftbad und erholten uns sehr gut.

    Der Fluss, der durch Smolensk fließt, heißt Dnjepr. Er ist zwar sehr lang, aber bei Smolensk noch sehr jung. Den schönsten Blick auf den Fluss hatten wir flussaufwärts. Wir sahen einen alten Brückenrest, an dem sich gerne Jugendliche trafen. Der Blick von dort auf den Fluss war sehr anziehend.


    Am letzten Tag machten wir einen Ausflug nach Teremok (https://westundost.de/2026/08/04/reise-nach-smolensk-teil-1/).

    Teremok war um die Jahrhundertwende (19./20. Jh) ein Künstlerdorf, ca.25 km außerhalb von Smolensk. Es war nicht leicht, herauszufinden, wo der Bus abfährt. Wir fuhren durch ganz einfache Dörfer und sahen schlichte Häuser mit wunderschönen Gärten. Teremok ist ein schönes Naturgelände mit einigen alten Häusern mit typischer russischer Holzkunst.

    Das Spiel zwischen Sonne, Wind, Bäumen und Häusern war so bezaubernd, ich wünschte, ich hätte malen können. Die Kirche war eingezäunt, weil sie restauriert wird. Ein Moskauer fasste sich ein Herz und überwand den Zaun und wir taten es ihm gleich. Die Wiederbegegnung mit dem Jesusporträt von Nikolai Röhrich war sehr berührend. Junge Künstler haben dieses Kunstwerk restauriert. https://westundost.de/2026/05/25/ueber-nikolaj-roerich/

  • Gastbeitrag: Reise nach Smolensk,Teil 3

    Bevor ich die Reihe mit zwei weiteren Teilen fortführe, möchte ich hier auf ein sehr berührendes Video über diese Smolenskreise verweisen:

    Eine Reise, die vom Wunsch nach echter Begegnung getragen ist, strahlt entwicklungsfördernd auf die Menschen aus.

  • Gastbeitrag: Reise nach Smolensk, Teil 2

    „Eine Reise mit Bus und Bahn gegen Osten. Am Anfang möchte ich sagen, dass ich immer mehr beobachte, dass die Menschen Beziehungen möchten. Sie möchten sich begegnen, gegenseitig wahrnehmen. Und wenn ein aufmerksamer Blick mit Interesse oder mit einer Ansprache an jemanden gerichtet ist, so kam es mir manchmal vor, wie wenn der Andere sich freut und aus seiner schweren Last des Daseins erwacht, aufschaut, wie ein Licht bemerkt und freudig ins Gespräch geht.

    Wir haben bei unserer ganzen Reise die Erfahrung gemacht, wenn wir Menschen ansprechen, uns für sie interessieren, ihre Gesichter beobachten und wahrnehmen, sie fragen, wie sie leben und denken, dass wir immer ins Gespräch gekommen sind, sie sich gefreut haben. Es entsteht immer ein Licht der Freude, wenn man sich bemüht, Anteil zu nehmen, sich in die Mitmenschen reinzufühlen.


    Fahrt nach Warschau

    Wir fuhren mit einem Flixbus von Ostdeutschland nach Warschau. Die Fahrer waren Polen. Polen sind hervorragende LKW- und Busfahrer. Sie fahren souverän und mutig in die größten Innenstädte und sind auch geduldig. Die Arbeit ist schwer, sie müssen nebenher den Bus putzen, Toilette versorgen, Pässe kontrollieren, Gepäck einräumen, an den Grenzkontrollen Rede und Antwort stehen. Wir fühlten uns in guten Händen.

    Warschau West


    Die Fahrt war interessant, der Bus kam schon aus München. Der Bus ist eine günstige und umweltfreundliche Reisemöglichkeit, und man kommt auch gut mit den anderen Reisenden ins Gespräch. Wir kamen in Warschau-West an. Das Stadtviertel erschreckt zunächst etwas, man sieht in der Umgebung graue Hochhäuser, wie Klein-Manhattan. Das Gelände des Busbahnhofs war sehr dreckig, voller Müll. Es wird gebaut, wie überall. Wir sahen einen stark behinderten Bettler, der die Autofahrer an einer stark befahrenen Straße bei Rot um Geld anbettelte. In einem günstigen Hotel trafen wir auf sehr freundliches Personal, das sich um uns bemühte.

    Fahrt nach Vilnius

    Am nächsten Tag ging die Reise nach Litauen weiter. Die Landschaft wurde sehr schön. Wir kamen durch Masuren – eine sehr reizende Landschaft, sehr flach, wunderschöne Kiefernwälder. Was besonders auffällt: es gibt sehr viele Störche. Sie bauen sich ihre Nester in den Dörfern. Man sieht ab und zu Seen von der Straße aus. Der Himmel spannt sich weit auf, der Wald wirkt sehr frisch und gesund. Diese Gegend könnte man gut für einen Urlaub empfehlen. Auf dem Rückweg saßen wir im Bus oben ganz vorne und erlebten diese stundenlange Fahrt durch die Wälder noch mal sehr intensiv. Wir sahen viele Stände am Straßenrand, wo Menschen Pilze anboten. Die polnisch-litauische Grenze ist nicht besetzt, wir fahren einfach durch und landen in Vilnius.


    Vilnius erschreckt uns. Direkt am Busbahnhof, der auch voller Müll ist, begegnen uns viele betrunkene Menschen. Wir waren insgesamt drei Nächte in Vilnius (auf der Hin- und Rückfahrt) und hatten jedesmal wieder das gleiche Bild. Kaputte Straßen, verfallene Häuser, viele SecondHand-Läden, im Supermarkt sehen wir viel Alkohol in den Einkaufskörben. Wir suchen nach einer Einkehrmöglichkeit und landen in einem Hinterhofrestaurant. Junge Leute mit müden Blicken sitzen an den Tischen, unterhalten sich wenig und schauen vor allem ins Handy. Es fällt uns schwer, in Vilnius mit Menschen in Kontakt zu kommen. Ein netter Kellner sagte uns bei der Rückreise, dass diese Ecke der Stadt nicht schön sei, er empfahl uns aber die schöne Innenstadt. Dies war uns aber aus Zeitgründen diesmal nicht möglich.

    Fahrt nach Minsk


    Auf der Weiterfahrt nach Minsk in Weißrussland hatten wir litauische Fahrer. Der Grenzübergang war schwierig, es hat sehr lange gedauert, die litauischen Grenzbeamten, sehr junge Frauen, erschienen reserviert und unterkühlt. Im Bus kamen wir mit einem jungen Spanier und seinem Vater ins Gespräch, die dann nach Moskau und St. Petersburg weiterreisen wollten. Immer mehr Menschen beteiligten sich am Gespräch, so z. B. ein Deutscher, der jetzt in Belarus lebt. Durch diesen lebendigen Austausch haben wir den langwierigen Grenzübertritt etwas leichter nehmen können.

    Es ging weiter nach Minsk. Der Weg von Vilnius nach Minsk ist nicht weit, durch den Grenzübertritt, hat es aber doch sechs Stunden gedauert.

    Minsk ist eine sehr moderne, riesige Stadt. Das Hotelpersonal war sehr nett. Die Stadt zeigte sich sauber und gepflegt. Die Häuser sind teils modern, teils restauriert. Man sieht teure Autos. Die Frauen sind mir aufgefallen: sehr schlank, lange Haare, schön gekleidet. Viele scheinen gerne sehr hohe Absätze zu tragen. Manchmal hatten wir aber das Gefühl, dass die eine oder andere auf Kunden wartete.

    Im Botanischen Garten war ein Musikfestival, viele Pavillons, in denen junge Studenten musizierten., mit einer Geigerin kamen wir ins Gespräch.

    Die Kirche für die Gefallenen und Ermordeten aller Kriege hat uns sehr beeindruckt: Frische, bunte Bilder und ein funkelnder Marmormosaikfußboden. Daneben war eine Holzkirche. Frauen müssen ein Kopftuch aufsetzen, es werden viele Kerzen angezündet. Viele Frauen sind hier in der Kirche (wohl ehrenamtlich) aktiv und kümmern sich um die Ordnung. Ich hatte beobachtet, dass Frauen etwas auf einen Zettel schreiben und Geld bezahlen. Ich fragte, was dies bedeutete. Ich verstand zwar die Antwort nicht, aber es entstand ein herzliches Gespräch und wir wurden mit Heiligenbildern und Segenswünschen bedacht.

    Viele Menschen gingen essen, wir sahen keine Armut, aber uns sagten mehrere Menschen, dass das Gefälle zwischen Stadt und Land sehr groß ist.

    Fahrt nach Smolensk

    Im modernen Zug geht es weiter nach Smolensk. Smolensk ist die erste Stadt, in der der Zug hält. Den Grenzübergang haben wir gar nicht mitbekommen. Der Zug fährt dann weiter nach Moskau (es wären noch 4 Stunden) und St. Petersburg.

    Am mintfarbenen Bahnhof, den ich noch gut in Erinnerung hatte, kamen wir an.“ (Y. P.)

  • Gastbeitrag: Reise nach Smolensk, Teil 1

    Wenn man Frieden nicht nur als Abwesenheit von Kampfhandlungen, sondern in einem umfassenderen Sinn versteht als Interesse am Anderen, als Wunsch, den Anderen in seiner Entwicklung zu fördern und gemeinsam wachsen zu wollen, dann kann es ein wertvolles Unterfangen sein, auf die andere Seite zuzugehen.

    Während die Bundesbürger, die im Westen aufgewachsen sind, oft nur über Literatur und Kunst einen Bezug zur Sowjetunion hatten, so sind viele ehemalige DDR-Bürger in direkten Kontakt gekommen, über berufliche Kontakte oder z.B. über Austauschprogramme.

    Die nächsten Beiträge stammen von einer Gastautorin, die im Winter 1987/88 ein halbes Jahr in Smolensk verbrachte. Nun reiste sie im Juli 2026 wiederum nach Smolensk und schildert hier ihre Eindrücke.

    Auf nach Smolensk

    „1987 war ich Studentin an einer Hochschule und habe unter anderem Russisch studiert. Diese Sprache ist mir sehr, sehr schwer gefallen. Ein Bestandteil des Studiums war ein Auslandsaufenthalt in Russland, entweder für 6 Monate oder für ein Jahr. Dieser Auslandsaufenthalt hat mich gereizt, ein ganzes Jahr habe ich mir aber nicht zugetraut. Das Land war damals in furchtbaren Zuständen. Es fand ein Ausverkauf statt, es gab skrupellose Geschäftleute aus dem In- und Ausland, die sich bereicherten und das Land in die Armut führten. Die Regierung hatte sich damals nicht gekümmert. Wir sind mit dem Zug gefahren, die Fahrt ging drei Tage und drei Nächte. Wir sind auch viel gestanden, der Zugverkehr war damals nicht wie heute. Wir waren eine große Gruppe von Studentinnen, und ein Dozent fuhr mit uns mit.

    Das Internat

    Ich erinnere mich an den erschütternden Anblick des Internats, wo wir für das halbe Jahr leben sollten. Es war ein Haus, das vom Fundament her schon abgerutscht war. Es machte den Eindruck, es würde nicht mehr lange halten, und wir trauten uns fast nicht, den Fahrstuhl zu benutzen. Das Zimmer, wo wir wohnen sollten, glich eher einer Strafanstalt als einem Internat. Ein kleiner, alter Holzschrank, ein Regal, alte Fenster, durch die die Kälte des Winters hereinkroch, ein Tisch, zwei Stühle. Die Betten wie aus einem Metallgitter mit alten Matratzen drauf. Für uns war das sogenannte Bad aber noch mal eine ­harte Herausforderung: Es gab nur ein kleines Waschbecken und über einen Monat kein warmes Wasser, das war nach über drei Tagen Zugfahrt nicht sehr angenehm. Ich erinnere mich, dass wir uns mit Geschick und Fantasie aber so einrichteten, dass jeder Zahnputzbecher doch seinen Platz fand, und dass wir die Toilette benutzen konnten, ohne uns zu ekeln. Wir hatten auch Sachen mitgenommen, mit denen wir uns das Zimmer verschönern konnten. Als wir ankamen, wollte meine Zimmerkollegin uns einen schönen Tee kochen. Sie hatte einen wunderbaren Tee, der in der DDR sehr teuer war, dabei. Wir freuten uns schon sehr darauf. Als sie mit den Teetassen ankam, schwamm eine weiße Schicht obenauf, das Wasser war sehr verkalkt.

    Erstes Kennenlernen

    Es war gut, dass wir jung waren. Es kam uns hart an, aber mit der Zeit gewöhnten wir uns an alles und nutzten die Zeit.

    Ich las unter anderem Dostojewski und wir wühlten uns durch die russische Geschichte.

    Die Armut war groß unter den Menschen. Wir wussten anfangs nicht, was wir kochen sollten. Gemüseläden gab es nicht, wir fanden nur Läden vor, in denen es Gläser mit Rot- und Weißkraut gab. Etwas Frisches fanden wir nicht. Schließlich machten uns Bekannte, junge russische Männer, die uns in den nächsten Monaten auch öfter ausführten, auf einen Schwarzmarkt aufmerksam. Wir suchten diesen auf und waren erstaunt: da gab es alles in Hülle und Fülle. (Auch heute ist es in Smolensk noch so, dass die Menschen aus den umliegenden Dörfern in die Stadt fahren und, auf kleinen Holzkisten sitzend, ihre unglaublich guten Produkte anbieten.) Damals wurden auch Vögel und ganze, abgetrennte Tierköpfe verkauft (was für uns natürlich furchtbar war). Wir erstanden damals frisches Obst und kauften Auberginen. Die kannten wir aber noch gar nicht, es gab sie bei uns nicht. Wir brieten sie an und fanden sie ganz vorzüglich.

    Kälte und Erschwernisse

    Es war ein sehr, sehr harter Winter. Ich kann mich an die Kälte erinnern. Wir versuchten, die Kälte mit kleinen Heizgeräten im Zimmer zu lindern, überforderten aber damit öfter die Sicherung. In Smolensk liefen auch viele Hunde herum, manche mit nur drei Beinen, die hungrig waren. Es lag viel Müll herum, viele spuckten auf die Straße. Es war eine Zeit, in der viel Alkohol konsumiert wurde, viele Menschen standen danach Schlange.

    Ausflüge

    Unsere Studentengruppe unternahm viele Ausflüge. Wir waren in Moskau und St. Petersburg. Aber am meisten erinnere ich mich an das eiskalte und kristallklare Nowgorod. Es war so kalt und faszinierend. Wir wärmten uns in der Kirche an den Kerzen. Den Kreml und vor allem die glasklare Winterluft mit der Sonne – das habe ich in sehr guter Erinnerung behalten.

    Einen Ausflug haben wir mit unseren russischen Bekannten gemacht: wir sind weit rausgefahren und dann durch den Wald gelaufen. Plötzlich standen wir vor einer alten, verfallenenen Holzkirche. Darauf war ein Mosaik mit einem Jesuskopf. Alles war verblichen und wie ich heute erfuhr, hatte man damals in dieser Holzkirche Düngemittel gelagert. Um die Situation in der Sowjetzeit zu verstehen, lohnt es sich, Stefan Zweigs „Reise nach Russland“ zu lesen. Man hat damals diese Kunstschätze nicht geschätzt. Der Jesuskopf an der Kirche hat mich damals tief beeindruckt und so war es ein großes Glück, dass ich ihn auf unserer Reise in diesem Jahr wiedersehen konnte.

    Die Eindrücke, die geblieben sind

    Ich erinnere mich an die Menschen, die uns dort aufgenommen und uns unser Dasein dort erträglich gemacht haben. Wir waren sicher in den Auge der Russen „verwöhnt“. Der DDR ging es damals viel besser, wir hatten eine schöne Wohnung mit Heizung und fließend warmen Wasser, ein Bad mit Wanne und ein Klo mit Wasserspülung. Wir hatten in dieser Zeit eigentlich auch keine Geldnot. Wir konnten uns relativ viel kaufen und haben uns nun Gemüse auf dem Schwarzmarkt gekauft.

    Die Dozenten waren alle sehr nett und überhaupt: wenn wir es mit den russischen Menschen zu tun hatten, so war irgendwie immer Heiterkeit und Freundlichkeit anwesend.

    Von Smolensk 1987/88 sind mir keine konkreten Bilder, sondern eher Eindrücke, eher ein Empfinden zurückgeblieben: das hat mit der Geschichte, der Literatur und den Menschen zu tun. Auch wenn mir die Sprache schwerfiel, haben wir uns mit diesem Land verbunden gefühlt. Man muss dazu sagen, dass wir wirklich sehr jung waren. Ich habe damals auf dieser Reise das Land nicht sehr tief aufgenommen, aber ich weiß, in den kalten Tagen, als ich auf dem Bett gelegen habe und Dostojewski oder russische Geschichte gelesen habe, war ich tief bewegt. Die russische Geschichte sollte man kennen, um das ganze Land zu verstehen.

    Damals hätte ich nie gedacht, dass ich diese Stadt wiedersehe, denn die Verbindung zu Russland ist erst mit den Lebensjahren entstanden und hat sich tiefgründig durch die Literatur, die Musik, die Kunst ausgearbeitet. Spontan bin ich auf die Stadt als Reiseziel gekommen, weil hier ein Anknüpfungspunkt bestand.“ (Y.P.)

  • Gastbeitrag: Begegnung mit anderen Sprachen (Teil 2)

    Im zweiten Teil des Gastbeitrags beschreibt der Autor die Begegnung mit weiteren Fremdsprachen in seiner Kindheit. Mit der Offenheit und dem unbefangenen Interesse eines Kindes auf Fremdes zuzugehen – wie schön wäre es, wenn sich viele Menschen diese Fähigkeit bewahen und sie vielleicht sogar noch ausbauen könnten.

    „Aus familiären Gründen verließ ich 1946 mit meiner Familie Freiberg, das mittlerweile zur damaligen sowjetischen Besatzungszone gehörte. Wir zogen in ein kleines Dorf in Südbaden, wo mein Vater, aus Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, bei einem nahen Verwandten Unterkunft gefunden hatte. Dieses Dorf lag in der damaligen französischen Besatzungszone. Damals gab es dort weit und breit kein
    Gymnasium, das ich hätte besuchen können, und so brachten mich meine Eltern in eine Internatsschule am Bodensee, die ich dann im Herbst 1946 ab der 5. Klasse bis zum Abitur besuchte. Die Internatsschule lag in einem kleinen Dorf, das ebenfalls zur französischen Besatzungszone gehörte. Das hatte zur Folge, dass ich als zweite Fremdsprache in meinem Leben das Französische kennenlernte.


    Hinzu kam: Gegenüber der Schule lag eine größere Villa mit Nebengebäuden, beschlagnahmt vom französischen Militär. Diese Tatsache kümmerte mich nicht weiter. Mich interessierte damals viel mehr, wenn mir Franzosen begegneten und wenn ich ihren Unterhaltungen zuhörte, von denen ich natürlich kein Wort verstand.
    Aber die Sprache zu hören faszinierte mich. Wieder wie früher bei den Russen staunte ich darüber, dass Menschen sich in einer anderen Sprache als Deutsch verständigen können (Ich war damals zehn Jahre alt).


    Ein Jahr später, ich hatte ein Jahr Französisch-Unterricht gehabt, stand ich am Strand des Untersees und erblickte auch eine französische Familie, die dort ein Picknick abhielt. Ich schaute eine Weile zu, bis aus dieser Familie ein kleines Mädchen auf mich zu kam und sich vor mich hinstellte, um mich ihrerseits zu betrachten. Da getraute ich mich, das Mädchen auf Französisch nach seinem Alter zu fragen „Quel âge as-tu?“. Ich war ganz überrascht, dass sie mich verstanden hatte, denn sie antwortete „J’ai quatre ans“. Das war für mich ein elementares Erlebnis, das ich mich erstmals aus eigenem Antrieb in einer Fremdsprache ausdrücken konnte und ein anderssprachiger Mensch mich verstand. Ich muss wohl ziemlich verdutzt geschaut haben, denn die Mutter des Mädchens schien sich zu freuen und lächelte mir zu.


    Wie überall in Deutschland hatten die Menschen in den ersten Nachkriegsjahren oft nicht viel zu essen, und auch uns Schülern ging es in der Internatsschule nicht anders.
    In den ersten anderthalb Schuljahren hatten wir drei Mahlzeiten: zum Frühstück Buttermilchsuppe, mittags und abends jeweils gekochte Futterrüben, und das tagaus tagein. Brot bekamen wir allenfalls am Sonntag zu essen. Diese Umstände waren auch in der nahegelegenen Schweiz nicht unbekannt geblieben, und so kam es, dass die Reformierte Gemeinde eines Schweizer Städtchens alle (damals etwa 60) Internatsschüler an einem Adventssonntag zu sich in die Schweiz einlud. Jeder Schüler wurde einer Familie zugeteilt. Ich lernte gleich eine dritte Fremdsprache kennen, nämlich das Schwyzerdütsch. Erst verstand ich kaum ein Wort, so dass meine Gastgeber sich Mühe gaben und ins Hochdeutsche wechselten. Als erstes setzten mich meine Gastgeber an den Frühstückstisch, und ich begann mich nach der jahrelangen kargen Ernährung wie im Paradies zu fühlen: Knusprige Brötchen, Butter, Marmelade. heiße Schokolade mit Schlagsahne. Kaum war das Frühstück vorbei kam nach einem kurzen Spaziergang das mehr als reichhaltige Mittagessen mit Braten, Gemüse, kurz gesagt mit Dingen, die ich lange nicht mehr zu essen bekommen hatte. Vor lauter Essen kam ich manchmal kaum dazu, die vielen Fragen zu beantworten, mit denen mich meine Gastgeber immer wieder bestürmten. Nach einem Nachmittagskaffee mit Meringuen und Schlagsahne, nach einem Besuch des Weihnachtsmarktes mit Verzehr vieler Kostproben und Abendessen fuhren wir Schüler wieder zur Schule zurück, mit Abschiedsgeschenken versehen, vollkommen erschöpft und gleichzeitig mit einem großen Dank im Herzen für die Schweizer Menschen, die wir ja zuvor nicht gekannt hatten und die uns mit solch einer Herzlichkeit empfangen hatten, weil sie unsere Nöte verstanden.
    Ein Jahr später, zu Advent 1947, erlebte ich noch einmal eine solche Einladung in die Schweiz, diesmal bei anderen Gastgebern, aber ebenso herzlich empfangen und beim Abschied mit Geschenken für mich und meine Eltern bedacht, darunter auch für damalige Verhältnisse Kostbarkeiten wie Bohnenkaffee und Zigaretten.


    Im Frühjahr 1948, etwa zur Zeit vor der Währungsreform und ein gutes Jahr vor Gründung der Bundesrepublik, konnten meine Mitschüler und ich wieder erleben, dass Ausländer an uns Schüler und unser karges Essen gedacht hatten. Es war an einem Sonntag. Ich stand mit einigen Schulkameraden im Hof der Schule, als plötzlich eine Kolonne unterschiedlich großer Fahrzeuge in den Schulhof einfuhr und
    dort hielt. Wir wußten nicht, was das bedeuten sollte. Dann sahen wir, wie aus den Fahrzeugen amerikanische Soldaten ausstiegen und ein größeres Fahrzeug zu entladen begannen: Eimer voller Mehl und Zucker und anderer wichtiger Grundnahrungsmittel, die man damals nicht einfach kaufen konnte sondern die streng rationiert waren und nur mit besonderen Bezugskarten erworben werden konnten.
    Wir Schüler kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus, welche Menge an Lebensmitteln der Schule übergeben wurden. Dann kamen die Soldaten freundlich auf uns zu und schenkten uns Süßigkeiten und etwas, was wir nicht kannten: Dazu erklärten uns die Soldaten, dass wir dieses Besondere nicht etwa verschlucken sollten sondern nur kauen dürften. Auf diese Weise lernte ich den ersten Kaugummi in meinem Leben kennen. Gleichzeitig begegnete ich in meinem Leben der vierten Fremdsprache, dem amerikanischen Englisch.


    Ich stand vor einem der kleineren Fahrzeuge, mit dem die Soldaten gekommen waren und betrachtete das Innere, als mich ein Soldat fragte, ob ich mit ihm eine Probefahrt machen wolle. Ich sagte natürlich sofort zu und lernte auf diese Weise, dass ich in einen Jeep einstieg, ein mir bis dahin unbekanntes Wort. Der Soldat lud noch zwei Mitschüler ein, und so brauste er mit uns auf einer damals kaum befahrenen Straße ins Nachbardorf und zurück.


    All diese Ereignisse liegen mittlerweile fast 80 Jahre zurück, aber ich habe sie bis heute nicht vergessen. Ich habe nicht vergessen, dass sich fremde Menschen aus anderen Ländern, mit einer anderen Sprache als dem Deutschen, mir und ebenso meinen Mitschülern zugewandt haben, einfach weil sie sahen, wie es uns damals ging.


    Diese Erlebnisse steigen in mir immer wieder auf, wenn ich auf den Straßen der Stadt, in der ich lebe, so vielen Menschen aus anderen Ländern begegne. “ (W.S.)

  • Gastbeitrag: Begegnung mit fremden Sprachen (Teil 1)

    In diesem Gastbeitrag beschreibt der Autor auf sehr anschauliche und berührende Weise, wie er als Kind fremden Sprachen begegnete. Ein zweiter Teil folgt demnächst.

    „Als 1945 der II. Weltkrieg zu Ende ging war ich acht Jahre alt. Während mein Vater damals als Offizier diente lebte ich gemeinsam mit meiner Mutter und meiner ältesten Schwester im Haus meiner Großeltern in Freiberg (Sachsen).

    Damals sammelte ich mit Begeisterung Briefmarken, vor allem aus dem Ausland. Dabei interessierte mich weniger der Wert einer Briefmarke als vielmehr das, was auf ihr zu sehen war, z.B. wer der Mensch war, den ich auf ihr sehen konnte, oder in welchem Land eine abgebildete Landschaft lag. Am meisten aber beschäftigten mich die Wörter dieser oder jener Fremdsprache.

    Ich hatte das Glück, meine Großmutter alles fragen zu können, was mich beschäftigte. So erfuhr ich, dass „Suomi“ nichts mit Oma zu tun hat sondern das finnische Wort für „Finnland“ ist. Auf Schweizer Briefmarken stand oft „pro iuventute“, und meine Großmutter erläuterte mir, dass das „für die Jugend“ bedeutet. Ich fragte zurück „also heißt Jugend „iuventute“, worauf sie erwiderte „nein, die Jugend heißt iuventus“. Ich fragte dann weiter, weil mich der Unterschied zwischen „iuventute“ und „iuventus“ zu interessieren begann. Durch dieses Gespräch wurde mein Interesse für Latein geweckt.

    In dieser Zeit bekam ich auch Briefmarken, auf denen mir unverständliche Buchstaben zu sehen waren. Ich fragte nach und erfuhr, dass die Briefmarken aus der damaligen Sowjetunion kamen, und dass die russische Sprache in kyrillischen Buchstaben geschrieben wird. Danach beschäftigte mich die Frage immer wieder, weshalb es noch andere Buchstaben gibt als die lateinischen Buchstaben der deutschen Sprache, die ich gerade in der Volksschule erlernt hatte.

    Es kam der Mai 1945. Von Westen war aus Richtung Chemnitz amerikanisches Artilleriefeuer und in östlicher Richtung, von Dresden her, war russischer Kanonendonner zu hören. Gleichzeitig jagten nahezu pausenlos Tiefflieger über den Himmel und schossen auf alles, was sich am Boden bewegte. Das alle hörte eines Tages wie mit einem Schlage auf: Kein Fliegeralarm, kein Geschützfeuer, aus welcher Richtung auch immer, keine Tiefflieger. Auf den Rat meines Großvaters, von Beruf Rechtsanwalt, zogen wir bei sonnigem Mai-Wetter mit einem kleinen Leiterwagen und einigen wenigen Habseligkeiten über die Landstraße in ein nahe gelegenes Dorf zu einem seiner Mandanten, der einen Bauernhof besaß. Als wir am nächsten Morgen beim Frühstück saßen breitete sich auf dem Hofgelände Lärm und Gepolter aus. Da wurde auch schon die Türe aufgerissen, und herein stürmten mehrere russische Soldaten mit der Maschinenpistole in der Hand. Wir erstarrten, aber die Russen schauten uns nur kurz an, begannen zu schmunzeln und wünschten uns sinngemäß weiter guten Appetit.

    Am selben Tage kehrten wir zu Fuß auf der Landstraße zurück und gerieten in einen größeren Flüchtlingstreck, der sich nur langsam nach vorne schob. Gleichzeitig hatten wir den größten Teil der Fahrbahn möglichst freizuhalten, da uns ständig russische Militärfahrzeuge aller Art überholten. Auf dieser mühseligen Rückwanderung im prallen Sonnenschein habe ich es nicht ein einziges Mal erlebt, dass russische Soldaten uns belästigten oder schlimmere Sachen anstellten. Sie wurden verständlicherweise nur dann unwirsch, wenn sie zu wenig Platz auf der Straße hatten, um mir ihren Fahrzeugen durchzukommen. Unbehelligt kehrten wir nach Freiberg zurück.

    Wenige Tage später klingelte es nachmittags Sturm an der Haustüre. Als wir öffneten standen vor uns mehrere russische Soldaten, wieder mit der Maschinenpistole in der Hand. Als sie meine Schwester und mich erblickten begannen sie vor Freude zu strahlen. Ein Soldat nahm meine Schwester auf den Arm und herzte sie, und dann beschenkten sie uns Kinder mit Süßigkeiten. Es stellte sich dann heraus, dass diese Soldaten den Auftrag hatten, Quartiere für ihre Offiziere zu suchen. Wenige Tage später wurden dann mehrere Offiziere bei uns einquartiert, was ich in den darauf folgenden Tagen kaum bemerkte, zumal unser Familienleben wie früher weiterging, ohne dass uns die Russen störten.

    Natürlich ergab es sich auch oft, dass die russischen Offiziere abends Gäste hatten und dann, wie ich mitbekam, fürstliche Gastmähler abhielten. Der Höhepunkt eines solchen Abends war dann etwas, was ich noch nicht kannte: Die Russen begannen ihre heimatlichen Volkslieder zu singen, und zwar mehrstimmig. Um es deutlich zu sagen: Sie haben nicht gegrölt sondern wunderschön gesungen. Das begeisterte mich so, dass ich abends, wenn ich schon längst im Bett sein sollte, wieder aufstand und heimlich im Flur vor den Zimmern der Russen stand, um ihren Liedern zuzuhören. Zur selben Zeit war im Nachbarhause eine russische Offiziersfamilie einquartiert worden. Zu ihr gehörte Kolja, eine Junge meines Alters (Kolja ist der Kosename von Nikolai). Wir lernten uns alsbald kennen. Er verstand kein Wort Deutsch, und ich verstand kein Wort Russisch, und dennoch haben wir uns gleich verstanden und spielten oft zusammen im Garten des großelterlichen Hauses. Leider wurde sein Vater nach einigen Wochen versetzt und verließ Freiberg wieder mit seiner Familie. Ich war damals sehr traurig, dass ich nicht mehr mit Kolja spielen konnte.

    Aber eines ist geblieben: Russische Menschen waren die ersten Ausländer, die ich in meinem Leben kennengelernt habe, und Russisch war die erste Fremdsprache, die ich leibhaftig habe sprechen hören.“ (W.S.)

  • Gastbeitrag: Begegnungen in Sotschi

    Zwei kleine Szenen vom Besuch in Sotschi, September 24. Sie sind eigentlich nur eine Randnotiz. Aber sie zeigen doch feine Unterschiede im Wesen der Menschen.

    Sotschi, man könnte sagen das Garda Russlands, allerdings mit mehr Strand, mehr an Kiosken, eigentlich einer kilometerlangen Strandbebauung nur für Touristen, wo man alles kaufen kann, was das Urlaubsherz begehrt. Wir sind etwas zurückgesetzt vom Meer in einem einfachen Zimmer untergebracht. Ich gehe einmal um die Mittagszeit an den Strand, einen Espresso Macchiato trinken. Dieses kleine besondere Kaffeegetränk ist zwar nicht überall bekannt, aber wir haben, wenn es nicht bekannt war, immer erlebt, dass man sich redlich bemühte, uns das Gewünschte zu servieren. Auch diesmal ist es so.

    Gegenüber der Kaffeebar eine aus Holz gebaute Sitzgelegenheit, eigentlich wie an einer Bar, nur dass man etwas erhöht aufs Meer blicken kann. Ich setze mich, bin alleine. Kurz darauf setzt sich ein Mann, etwa in meinem Alter, so Mitte fünfzig neben mich. Genaugenommen lächelt er mich zunächst an, sagt etwas auf russisch. Ich antworte auf englisch, dass ich ihn leider nicht verstehe. Er zeigt eine Zigarette, gestikuliert, will offensichtlich wissen, ob ich mich durch sein Rauchen gestört fühlen würde. Ich verneine, er setzt sich und zündet sich die Zigarette an. Wir schauen aufs Meer.

    Nach etwa einer Minute des Schweigens wendet er sich mir zu, gibt mir die Hand, und stellt sich mit Vornamen, sagen wir „Maxim“ (ich weiß den Namen nicht mehr) vor. Ich erwidere. Offensichtlich, wir hatten ja bereits ein paar Worte ausgetauscht, versteht er kein Englisch. Aber inhaltlich war das bisher zu bewältigen. Nun beginnt der Versuch, sich irgendwie zu verständigen. Immer wieder fallen einzelne Wörter. Maxim kramt in seinem spärlichen, aber aus einzelnen Wörtern bestehenden englischen Wortschatz, ich suche nach verständlichen Anknüpfungspunkten.

    Zu diesem Zeitpunkt waren bereits deutsche Leopard-Panzer gegen Russland eingesetzt worden. Es muss nicht jeder Leser so sehen, für mich aber ist es so, dass die Ukraine mindestens seit 2014 gezielt militärisch gegen Russland aufgebaut worden war. Deshalb versuche ich mich von der deutschen Regierung zu distanzieren. Schließlich bin ich Gast. Es ist aber auch mein voller Ernst. Es bleiben aber nur einzelne Wörter, von denen ich nicht genau herauslesen kann, wie sie ankommen. Das Gespräch, wenn man es so nennen will, bleibt aber am Laufen.

    Ein weitere Russe setzt sich auf der anderen Seite neben mich. Selbe Prozedur: Höfliche Frage, Zigarette?, Hände schütteln, Vorname. Auch er spricht kaum englisch, erwähnt aber eine deutsche Stadt.

    Es bleiben spärliche Versuche der Verständigung. Aber sie brechen nicht ab, bis wir uns – per Handschlag – verabschieden.

    Einmal überqueren wir ein vielbefahrene Straße, ich mit einem etwas gewagten Lauf durch eine kleine Lücke im Strom der fahrenden Autos. Wir treffen auf der anderen Seite auf einen Russen, der mein Manöver lachend kommentiert, uns – wir kennen es bereits – die Hand schüttelt, sich mit Vornamen vorstellt. Er ist vom Baikalsee. Den würden wir auch gerne mal besuchen.

    Es sind einzelne Szenen. Aber sie sind repräsentativ für die Stimmung und das Wesen der Menschen, wie es uns entgegenkam. Kann man sich das umgekehrt in Deutschland vorstellen? Wenn nicht, gibt es eine erschöpfende Erklärung, die den kulturellen und wesensmäßigen Unterschied außer Acht lässt? Wohl nicht! (F.S.)