Kategorie: Interessantes

  • Übergänge

    Perspektivenwechsel

    Neulich war ich paddelnd am See unterwegs und betrachtete dieses Seerosenfeld.

    Man sieht das Wasser, die Seerosenblätter, die Seerosen, das Schilf und dahinter die Laubbäume. Ich kenne diesen Ort auch von der anderen Seite her:

    Ein Weg unter den Bäumen hindurch zu einem kleinen Badeplatz. Man ahnt das Schilf, von den Seerosen und vom See ist nichts zu sehen. Man blickt aus dem Dunkeln ins Licht. Der Eindruck ist ein ganz anderer.

    Es ist oft so, dass wir Orte, Dinge, Menschen immer wieder aus einer ähnlichen Perspektive sehen. Dann ist es eine sehr belebende Übung, sich ganz konkret vorzustellen, wie das von einem anderen Standpunkt aus aussehen würde.

    Die Ausstiegsstelle mit dem Kajak. Welcher Anblick wird sich zeigen, wenn ich mich an Land umdrehe? Ich verweile und stelle es mir konkret vor.

    Es ist schön, wenn man die eigene konkrete Vorstellung auch mit der Wirklichkeit abgleichen kann, wie hier.

    Durch diesen Perspektivwechsel präzisiert sich die Wahrnehmung, die Vorstellungskraft wird trainiert und man wird auch wendiger darin, eigene Fehlvorstellungen zu erkennen und zu korrigieren.

    Übergänge

    Am ersten Foto in diesem Beitrag zeigt sich der Übergang vom Wasser zum Land: die Seerosen, dann das Schilf, dann die Bäume. Der Übergang vom Wasser zum Land kann vom Menschen gestaltet und dadurch erleichtert werden, als Beispiel zeige ich hier ein Bootshaus:

    Das Bootshaus ermöglicht einen geordneten Übergang vom Land zum Wasser. Vom Land her ist es wichtig, einen guten Zugang zu haben. Eine Straße in der Nähe, einen guten Weg zum Bootshaus, vielleicht noch einen wettergeschützten Sitzplatz? Die Sachkenntnis und Wahrnehmungsfähigkeit des Erbauers kann den Benutzern den Übergang vom Land zum Wasser erleichtern.

    Vom Wasser her kommend, braucht der Ruderer eine gute Einfahrt. Der Bootshauserbauer berücksichtigt beim Bau die Ufergegebenheiten, die Himmelsrichtungen, den Wechsel des Pegelstandes, die verwendeten Boote und vieles mehr. Wie wird das Bootshaus auf der anderen Seite aussehen?

    Oh… – wer beim vorigen Foto genau hingeschaut hat, hat es vielleicht schon geahnt: der Wasserspiegel ist derzeit so niedrig, dass das Bootshaus seiner Funkton nicht nachkommen kann.

    Auch beim Aufeinandertreffen von Mensch zu Mensch oder beim Aufeinandertreffen von Kulturen ist der Perspektivwechsel hilfreich, darüber hinaus erleichtern Takt und Empathie die gelungene Begegnung.

    Diesen Übergang, diesen Begegnungsraum, aufmerksam zu betrachten und zu gestalten, kann bereichernd sein.

    In diesem Video zeigt der Landwirt Martin Ott ab Minute 37:25 bis 40:20, welchen Mehrwert ein gestalteter Übergangsbereich in der Natur bietet. Er kann diesen Übergangsbereich kundig gestalten, da er sowohl (in diesem Beispiel) den Wald als auch die Wiese kennt.

    Als Mittler zwischen Kulturen möchte ich hier Ahmet Aydin vorstellen:

    Ein junger Dichter, der mit der Spiritualität des Islam vertraut ist und als junger Mann seine Liebe zu den Weimarer Künstlern entdeckte.

    https://www.instagram.com/westoestlicherpoet

    Ein Mensch, der beide Kulturen kennt und Brücken bauen kann und will.

  • Über die Wahrheit

    Im letzten Beitrag ging es unter anderem darum, die Feigheit zu betrachten als Zurückschrecken vor der Wahrheit.

    2020 begegnete mir auf Demonstrationen mehrfach ein Mann, der ein übergroßes Gandhiplakat mit sich führte. Ohne Slogans, einfach nur das Bild.

    Diese Hinwendung, an heißen Sommertagen über weite Strecken das riesige Porträt eines lange verstorbenen Mannes mitzuführen, beeindruckte mich sehr und regte mich an, mich mit dem Leben von Gandhi auseinanderzusetzen. Ein Begriff, der mich faszinierte, ist satyagraha, auf Wikipedia wird er als „Festhalten an der Wahrheit“ oder „Ergreifen der Wahrheit“ übersetzt. Diese Übertragungen ins Deutsche halte ich jedoch für irreführend, weil man sich schnell eine Vorstellung von der Wahrheit machen könnte als etwas, das man „haben“ und „vor sich her tragen“ könne.

    Die gegenwärtige Schwierigkeit vieler Menschen, wirklich in aufrichtige Begegnungen zu finden, mag auch daran liegen, dass viele Menschen meinen, Wahrheit bereits gefunden zu haben.

    Hier hilft aber sogar Wikipedia weiter: „Während der Lebenszeit kann die Wahrheit nicht als Ganzes erkannt werden“ steht auf einer Skizze, die auf dem Satyagraha-Artikel veröffentlicht ist. Es geht also vielmehr um das „Streben nach Wahrheit“.

    Ich hatte mir vor ein paar Jahren einen schönen Satz abgeschrieben: „Satyagraha ist eine unermüdliche Suche nach Wahrheit und die Entschlossenheit, die Wahrheit zu erreichen. Man hält an der Wahrheit fest und lässt die Unwahrheit los, egal wie schwierig es sich erweist.“

    Nun wollte ich nachprüfen, wo der Satz veröffentlicht wurde, aber ich fand ihn nicht mehr. Es geht mir immer öfter so, dass ich mich darauf verlasse, etwas mit einer Suchmaschine schon wiederzufinden, und dann ist es aber gelöscht oder aus anderen Gründen nicht mehr auffindbar.

    Dennoch finde ich diese Aussage zu Satyagraha aufschlussreich, da es nicht naiv und vereinfachend ist, sondern darauf verweist, dass das Unterfangen ein schwieriges sein wird und dass man auf dem Weg auch etwas los- und zurücklassen muss (die Unwahrheit).

    Die hohe Anforderung einer Wahrheitssuche und den Ernst, der sie begleitet, stellte Heinz Grill auf seiner Homepage im Beitrag über Satya, Wahrheit, Logik und Unlogik sehr anschaulich dar. Das Bild und der untenstehende Text ist ein Ausschnitt seines Artikels.

    Der ganze Artikel ist sehr zu empfehlen und erweitert und vertieft die Idee des Satyagraha.

  • In Dialog treten

    Am 12.07.2000 trafen sich in Weimar der Präsident des Iran, Herr Chatami, und der deutsche Bundespräsident, Herr Rau, um in eine neue Phase des Dialogs zu treten. Anwesend waren auch die deutschen Professoren Herr van Ess sowie Herr Küng.

    Für das 2001 wurde von der UNO ein Jahr des Dialogs zwischen den Kulturen ausgerufen.

    Das Gespräch ist unter http://web.archive.org/web/20101030042050/http://www.bundespraesident.de/dokumente/-,2.23903/Rede/dokument.htm nachzulesen. Es ist ein beeindruckendes Zeugnis, auf welchem Niveau der damalige iranische Präsident um eine echte Begegnung ringt. Mit Auszügen aus dieser Veranstaltung möchte ich gerne dieses Weblog beginnen.

    Den Anderen wahrnehmen und ausgehend von den eigenen Idealen und Fähigkeiten nach Möglichkeit einer Zusammenarbeit und gemeinsamer Entwicklung zu suchen – dazu möchte auch dieses Weblog beitragen.

    https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0

    Herr Chatami sagte unter anderem:

    „Die heutige Welt ist auf der Suche nach einer neuen Grundlage für die Regelung menschlicher und gesellschaftlicher Beziehungen. Diese Grundlage ist nach unserer Ansicht der Dialog, in dem Ost und West keine Objekte der Erkenntnis, sondern Gesprächspartner sind. Dialog im Sinne einer klaren geographisch-kulturellen Kenntnis der Welt, des kritischen Blicks auf sich und andere, des Bemühens, das Erbe der Vergangenheit zu wahren und gleichzeitig nach neuen Erfahrungen zu suchen. Es geht um den Dialog über die Notwendigkeiten und Bedürfnisse des Menschen im Kontext des heutigen und des morgigen Lebens. Für einen wirklichen Dialog zwischen den Zivilisationen und Kulturen müssen neue Türen aufgestoßen werden, um die Realitäten der Welt zu erkennen und neue Einsichten in die östliche und westliche Welt zu gewinnen.“


    Das Gefühl des Andersseins, das der Osten und der Westen füreinander haben, wird nur dann aufgehoben, wenn beide sich nicht als eine absolute Erscheinung betrachten, sondern sich im Verhältnis zum Anderen und beide im Verhältnis zu diesem gemeinsamen Ursprung sehen. So können Ost und West einander vervollkommnen.

    Man muss die Anderen nicht nur tolerieren, man muss mit ihnen auch zusammenarbeiten.

    Dialog ist vor allen Dingen die Suche nach einem mitfühlenden und vertrauensvollen Kontakt.“