Im zweiten Teil des Gastbeitrags beschreibt der Autor die Begegnung mit weiteren Fremdsprachen in seiner Kindheit. Mit der Offenheit und dem unbefangenen Interesse eines Kindes auf Fremdes zuzugehen – wie schön wäre es, wenn sich viele Menschen diese Fähigkeit bewahen und sie vielleicht sogar noch ausbauen könnten.
„Aus familiären Gründen verließ ich 1946 mit meiner Familie Freiberg, das mittlerweile zur damaligen sowjetischen Besatzungszone gehörte. Wir zogen in ein kleines Dorf in Südbaden, wo mein Vater, aus Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, bei einem nahen Verwandten Unterkunft gefunden hatte. Dieses Dorf lag in der damaligen französischen Besatzungszone. Damals gab es dort weit und breit kein
Gymnasium, das ich hätte besuchen können, und so brachten mich meine Eltern in eine Internatsschule am Bodensee, die ich dann im Herbst 1946 ab der 5. Klasse bis zum Abitur besuchte. Die Internatsschule lag in einem kleinen Dorf, das ebenfalls zur französischen Besatzungszone gehörte. Das hatte zur Folge, dass ich als zweite Fremdsprache in meinem Leben das Französische kennenlernte.
Hinzu kam: Gegenüber der Schule lag eine größere Villa mit Nebengebäuden, beschlagnahmt vom französischen Militär. Diese Tatsache kümmerte mich nicht weiter. Mich interessierte damals viel mehr, wenn mir Franzosen begegneten und wenn ich ihren Unterhaltungen zuhörte, von denen ich natürlich kein Wort verstand.
Aber die Sprache zu hören faszinierte mich. Wieder wie früher bei den Russen staunte ich darüber, dass Menschen sich in einer anderen Sprache als Deutsch verständigen können (Ich war damals zehn Jahre alt).
Ein Jahr später, ich hatte ein Jahr Französisch-Unterricht gehabt, stand ich am Strand des Untersees und erblickte auch eine französische Familie, die dort ein Picknick abhielt. Ich schaute eine Weile zu, bis aus dieser Familie ein kleines Mädchen auf mich zu kam und sich vor mich hinstellte, um mich ihrerseits zu betrachten. Da getraute ich mich, das Mädchen auf Französisch nach seinem Alter zu fragen „Quel âge as-tu?“. Ich war ganz überrascht, dass sie mich verstanden hatte, denn sie antwortete „J’ai quatre ans“. Das war für mich ein elementares Erlebnis, das ich mich erstmals aus eigenem Antrieb in einer Fremdsprache ausdrücken konnte und ein anderssprachiger Mensch mich verstand. Ich muss wohl ziemlich verdutzt geschaut haben, denn die Mutter des Mädchens schien sich zu freuen und lächelte mir zu.
Wie überall in Deutschland hatten die Menschen in den ersten Nachkriegsjahren oft nicht viel zu essen, und auch uns Schülern ging es in der Internatsschule nicht anders.
In den ersten anderthalb Schuljahren hatten wir drei Mahlzeiten: zum Frühstück Buttermilchsuppe, mittags und abends jeweils gekochte Futterrüben, und das tagaus tagein. Brot bekamen wir allenfalls am Sonntag zu essen. Diese Umstände waren auch in der nahegelegenen Schweiz nicht unbekannt geblieben, und so kam es, dass die Reformierte Gemeinde eines Schweizer Städtchens alle (damals etwa 60) Internatsschüler an einem Adventssonntag zu sich in die Schweiz einlud. Jeder Schüler wurde einer Familie zugeteilt. Ich lernte gleich eine dritte Fremdsprache kennen, nämlich das Schwyzerdütsch. Erst verstand ich kaum ein Wort, so dass meine Gastgeber sich Mühe gaben und ins Hochdeutsche wechselten. Als erstes setzten mich meine Gastgeber an den Frühstückstisch, und ich begann mich nach der jahrelangen kargen Ernährung wie im Paradies zu fühlen: Knusprige Brötchen, Butter, Marmelade. heiße Schokolade mit Schlagsahne. Kaum war das Frühstück vorbei kam nach einem kurzen Spaziergang das mehr als reichhaltige Mittagessen mit Braten, Gemüse, kurz gesagt mit Dingen, die ich lange nicht mehr zu essen bekommen hatte. Vor lauter Essen kam ich manchmal kaum dazu, die vielen Fragen zu beantworten, mit denen mich meine Gastgeber immer wieder bestürmten. Nach einem Nachmittagskaffee mit Meringuen und Schlagsahne, nach einem Besuch des Weihnachtsmarktes mit Verzehr vieler Kostproben und Abendessen fuhren wir Schüler wieder zur Schule zurück, mit Abschiedsgeschenken versehen, vollkommen erschöpft und gleichzeitig mit einem großen Dank im Herzen für die Schweizer Menschen, die wir ja zuvor nicht gekannt hatten und die uns mit solch einer Herzlichkeit empfangen hatten, weil sie unsere Nöte verstanden.
Ein Jahr später, zu Advent 1947, erlebte ich noch einmal eine solche Einladung in die Schweiz, diesmal bei anderen Gastgebern, aber ebenso herzlich empfangen und beim Abschied mit Geschenken für mich und meine Eltern bedacht, darunter auch für damalige Verhältnisse Kostbarkeiten wie Bohnenkaffee und Zigaretten.
Im Frühjahr 1948, etwa zur Zeit vor der Währungsreform und ein gutes Jahr vor Gründung der Bundesrepublik, konnten meine Mitschüler und ich wieder erleben, dass Ausländer an uns Schüler und unser karges Essen gedacht hatten. Es war an einem Sonntag. Ich stand mit einigen Schulkameraden im Hof der Schule, als plötzlich eine Kolonne unterschiedlich großer Fahrzeuge in den Schulhof einfuhr und
dort hielt. Wir wußten nicht, was das bedeuten sollte. Dann sahen wir, wie aus den Fahrzeugen amerikanische Soldaten ausstiegen und ein größeres Fahrzeug zu entladen begannen: Eimer voller Mehl und Zucker und anderer wichtiger Grundnahrungsmittel, die man damals nicht einfach kaufen konnte sondern die streng rationiert waren und nur mit besonderen Bezugskarten erworben werden konnten.
Wir Schüler kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus, welche Menge an Lebensmitteln der Schule übergeben wurden. Dann kamen die Soldaten freundlich auf uns zu und schenkten uns Süßigkeiten und etwas, was wir nicht kannten: Dazu erklärten uns die Soldaten, dass wir dieses Besondere nicht etwa verschlucken sollten sondern nur kauen dürften. Auf diese Weise lernte ich den ersten Kaugummi in meinem Leben kennen. Gleichzeitig begegnete ich in meinem Leben der vierten Fremdsprache, dem amerikanischen Englisch.
Ich stand vor einem der kleineren Fahrzeuge, mit dem die Soldaten gekommen waren und betrachtete das Innere, als mich ein Soldat fragte, ob ich mit ihm eine Probefahrt machen wolle. Ich sagte natürlich sofort zu und lernte auf diese Weise, dass ich in einen Jeep einstieg, ein mir bis dahin unbekanntes Wort. Der Soldat lud noch zwei Mitschüler ein, und so brauste er mit uns auf einer damals kaum befahrenen Straße ins Nachbardorf und zurück.
All diese Ereignisse liegen mittlerweile fast 80 Jahre zurück, aber ich habe sie bis heute nicht vergessen. Ich habe nicht vergessen, dass sich fremde Menschen aus anderen Ländern, mit einer anderen Sprache als dem Deutschen, mir und ebenso meinen Mitschülern zugewandt haben, einfach weil sie sahen, wie es uns damals ging.
Diese Erlebnisse steigen in mir immer wieder auf, wenn ich auf den Straßen der Stadt, in der ich lebe, so vielen Menschen aus anderen Ländern begegne. “ (W.S.)