Autor: birgit

  • Begegnung am Telefon

    Vor ein paar Jahren reiste ich nach Russland. Wenn man per Flugzeug anreist, hat man natürlich den Nachteil, dass man vor Ort nicht sehr mobil ist. Da ich gerne auch ein wenig außerhalb der Stadt unterwegs sein wollte, beschloss ich, einen Roller zu mieten. Ich suchte mir also im Internet die Telefonnummern und Adressen von Motorradverleihern heraus. Der erste war nicht erreichbar, beim zweiten war an der angegebenen Adresse alles mögliche zu sehen, aber keine Zweiräder.

    Nun der dritte Versuch: Ich hatte mir einen Satz auf Russisch zurechtgelegt („ich spreche nicht gut Russisch, sprechen Sie Deutsch oder Englisch“?) und versuchte mein Glück. Zu meinem Erstaunen fing der Angerufene an, eine ganze Strophe von „Oh, Tannenbaum“ ins Telefon zu singen. Wir lachten beide, es stellte sich heraus, dass dieses Lied das einzige war, wo wir uns treffen konnten. Weder meine Russischfragmente noch sein Deutsch reichten aus, um gemeinsam ins Geschäft zu kommen.

    Dieses Erlebnis hat mich noch lange beschäftigt: Wer von uns könnte spontan ein Lied auf Russisch singen? Und dann auch noch ins Telefon? Ich erinnere mich, dass in einem Liederbuch meiner Kindheit das „Lied der Wolgaschlepper“ (He uchnjem) abgedruckt war. In der Schule gelernt habe ich es aber nicht. Eine Bekannte hat mir gesagt, dass sie in der Grundschule (in Westdeutschland) eine deutsche Version von „Katjuscha“ gelernt hatte.

    Wie schön ist es, einfache Lieder eines anderen Volkes zu kennen und zu können. Es schafft eine herzliche Verbindung von Mensch zu Mensch.

  • Stefan Zweig: Reise nach Russland

    Diese Reisebeschreibung hat es in sich: Stefan Zweig war 46 Jahre alt, ein großer Schriftsteller, der Briefkontakt zu Maxim Gorki hatte und nun von der sowjetischen Regierung zur Feier von Tolstois 100. Geburtstags eingeladen wurde. Neugierig und offen besuchte er das Russland nach der Revolution und beschrieb, was er sah. Trotz seiner Distanz zu Agitation und Ideologie vermochte er, das Gesehene ausdrucksstark zu beschreiben. Man erkennt, wie sehr ihn die Leidensfähigkeit des russischen Volkes, auch der russischen Künstler, die teilweise in großer Armut lebten, bewegte. Wenn er vom „kühnste(n) soziale(n) Experiment, das je ein Volk mit sich selbst versucht“, schreibt, kann man seine Erschütterung nachempfinden.

    Hier hatte ich beim Erstellen des Beitrags einen Youtubelink zu einem Hörbuch des Russlandreiseberichts verlinkt. Leider ist das Video nicht mehr verfügbar.

    Unter diesem Link kann man aber den Text lesen:https://projekt-gutenberg.org/authors/stefan-zweig/books/reise-nach-russland/chapter/2/

    Er beschreibt seine Eindrücke beim Gang durch Moskau, das Nebeneinander von altem Glauben und dem „neuen Geist“. Er besuchte die offizielle Feier zu Tolstois Ehren und besuchte auch dessen Grab auf dem Landgut Jasnaja Polijana. Bei der Beschreibung des eindrucksvollen, weil einfachen und schmucklosen Grabs („herrlich schweigendes, rührend namenloses Grab im Walde“)fühlt man sich an Tolstois Erzählung „Wie viel Erde braucht der Mensch“? erinnert.

    Er reiste auch nach Leningrad und wurde dort vom Direktor durch die Schatzkammer der Eremitage geführt. Dies, sowie seine Beschreibung der aufblühenden Museen, der Aktivität der jungen Dichter, sind trotz ihrer Zeitbedingtheit auch heute noch lesenswert.

    Hier am Ende noch ein paar Zitate von Stefan Zweig:

    “ Wir haben alle, unbewusst oder bewusst, an Rußland ein Unrecht getan und tun es noch heute. Ein Unrecht durch Nichtgenugwissen, durch Nichtgenuggerechtsein.““

    „Die Hälfte aller Urteile über das gegenwärtige Russland sind leider heute Vorurteile, das heißt, vor das eigene Blickfeld geschobenene starre Standpunkte, die andere Hälfte Nachurteile, das will sagen, anderen nachgeredete Meinungen. Und erfahrungsgemäß ändern solche persönliche Prophezeiungen so wenig wie Zimmerprognosen das wirkliche Wetter, den unerschütterlichen Gang der Geschichte.“

  • Gastbeitrag: Begegnung mit anderen Sprachen (Teil 2)

    Im zweiten Teil des Gastbeitrags beschreibt der Autor die Begegnung mit weiteren Fremdsprachen in seiner Kindheit. Mit der Offenheit und dem unbefangenen Interesse eines Kindes auf Fremdes zuzugehen – wie schön wäre es, wenn sich viele Menschen diese Fähigkeit bewahen und sie vielleicht sogar noch ausbauen könnten.

    „Aus familiären Gründen verließ ich 1946 mit meiner Familie Freiberg, das mittlerweile zur damaligen sowjetischen Besatzungszone gehörte. Wir zogen in ein kleines Dorf in Südbaden, wo mein Vater, aus Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, bei einem nahen Verwandten Unterkunft gefunden hatte. Dieses Dorf lag in der damaligen französischen Besatzungszone. Damals gab es dort weit und breit kein
    Gymnasium, das ich hätte besuchen können, und so brachten mich meine Eltern in eine Internatsschule am Bodensee, die ich dann im Herbst 1946 ab der 5. Klasse bis zum Abitur besuchte. Die Internatsschule lag in einem kleinen Dorf, das ebenfalls zur französischen Besatzungszone gehörte. Das hatte zur Folge, dass ich als zweite Fremdsprache in meinem Leben das Französische kennenlernte.


    Hinzu kam: Gegenüber der Schule lag eine größere Villa mit Nebengebäuden, beschlagnahmt vom französischen Militär. Diese Tatsache kümmerte mich nicht weiter. Mich interessierte damals viel mehr, wenn mir Franzosen begegneten und wenn ich ihren Unterhaltungen zuhörte, von denen ich natürlich kein Wort verstand.
    Aber die Sprache zu hören faszinierte mich. Wieder wie früher bei den Russen staunte ich darüber, dass Menschen sich in einer anderen Sprache als Deutsch verständigen können (Ich war damals zehn Jahre alt).


    Ein Jahr später, ich hatte ein Jahr Französisch-Unterricht gehabt, stand ich am Strand des Untersees und erblickte auch eine französische Familie, die dort ein Picknick abhielt. Ich schaute eine Weile zu, bis aus dieser Familie ein kleines Mädchen auf mich zu kam und sich vor mich hinstellte, um mich ihrerseits zu betrachten. Da getraute ich mich, das Mädchen auf Französisch nach seinem Alter zu fragen „Quel âge as-tu?“. Ich war ganz überrascht, dass sie mich verstanden hatte, denn sie antwortete „J’ai quatre ans“. Das war für mich ein elementares Erlebnis, das ich mich erstmals aus eigenem Antrieb in einer Fremdsprache ausdrücken konnte und ein anderssprachiger Mensch mich verstand. Ich muss wohl ziemlich verdutzt geschaut haben, denn die Mutter des Mädchens schien sich zu freuen und lächelte mir zu.


    Wie überall in Deutschland hatten die Menschen in den ersten Nachkriegsjahren oft nicht viel zu essen, und auch uns Schülern ging es in der Internatsschule nicht anders.
    In den ersten anderthalb Schuljahren hatten wir drei Mahlzeiten: zum Frühstück Buttermilchsuppe, mittags und abends jeweils gekochte Futterrüben, und das tagaus tagein. Brot bekamen wir allenfalls am Sonntag zu essen. Diese Umstände waren auch in der nahegelegenen Schweiz nicht unbekannt geblieben, und so kam es, dass die Reformierte Gemeinde eines Schweizer Städtchens alle (damals etwa 60) Internatsschüler an einem Adventssonntag zu sich in die Schweiz einlud. Jeder Schüler wurde einer Familie zugeteilt. Ich lernte gleich eine dritte Fremdsprache kennen, nämlich das Schwyzerdütsch. Erst verstand ich kaum ein Wort, so dass meine Gastgeber sich Mühe gaben und ins Hochdeutsche wechselten. Als erstes setzten mich meine Gastgeber an den Frühstückstisch, und ich begann mich nach der jahrelangen kargen Ernährung wie im Paradies zu fühlen: Knusprige Brötchen, Butter, Marmelade. heiße Schokolade mit Schlagsahne. Kaum war das Frühstück vorbei kam nach einem kurzen Spaziergang das mehr als reichhaltige Mittagessen mit Braten, Gemüse, kurz gesagt mit Dingen, die ich lange nicht mehr zu essen bekommen hatte. Vor lauter Essen kam ich manchmal kaum dazu, die vielen Fragen zu beantworten, mit denen mich meine Gastgeber immer wieder bestürmten. Nach einem Nachmittagskaffee mit Meringuen und Schlagsahne, nach einem Besuch des Weihnachtsmarktes mit Verzehr vieler Kostproben und Abendessen fuhren wir Schüler wieder zur Schule zurück, mit Abschiedsgeschenken versehen, vollkommen erschöpft und gleichzeitig mit einem großen Dank im Herzen für die Schweizer Menschen, die wir ja zuvor nicht gekannt hatten und die uns mit solch einer Herzlichkeit empfangen hatten, weil sie unsere Nöte verstanden.
    Ein Jahr später, zu Advent 1947, erlebte ich noch einmal eine solche Einladung in die Schweiz, diesmal bei anderen Gastgebern, aber ebenso herzlich empfangen und beim Abschied mit Geschenken für mich und meine Eltern bedacht, darunter auch für damalige Verhältnisse Kostbarkeiten wie Bohnenkaffee und Zigaretten.


    Im Frühjahr 1948, etwa zur Zeit vor der Währungsreform und ein gutes Jahr vor Gründung der Bundesrepublik, konnten meine Mitschüler und ich wieder erleben, dass Ausländer an uns Schüler und unser karges Essen gedacht hatten. Es war an einem Sonntag. Ich stand mit einigen Schulkameraden im Hof der Schule, als plötzlich eine Kolonne unterschiedlich großer Fahrzeuge in den Schulhof einfuhr und
    dort hielt. Wir wußten nicht, was das bedeuten sollte. Dann sahen wir, wie aus den Fahrzeugen amerikanische Soldaten ausstiegen und ein größeres Fahrzeug zu entladen begannen: Eimer voller Mehl und Zucker und anderer wichtiger Grundnahrungsmittel, die man damals nicht einfach kaufen konnte sondern die streng rationiert waren und nur mit besonderen Bezugskarten erworben werden konnten.
    Wir Schüler kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus, welche Menge an Lebensmitteln der Schule übergeben wurden. Dann kamen die Soldaten freundlich auf uns zu und schenkten uns Süßigkeiten und etwas, was wir nicht kannten: Dazu erklärten uns die Soldaten, dass wir dieses Besondere nicht etwa verschlucken sollten sondern nur kauen dürften. Auf diese Weise lernte ich den ersten Kaugummi in meinem Leben kennen. Gleichzeitig begegnete ich in meinem Leben der vierten Fremdsprache, dem amerikanischen Englisch.


    Ich stand vor einem der kleineren Fahrzeuge, mit dem die Soldaten gekommen waren und betrachtete das Innere, als mich ein Soldat fragte, ob ich mit ihm eine Probefahrt machen wolle. Ich sagte natürlich sofort zu und lernte auf diese Weise, dass ich in einen Jeep einstieg, ein mir bis dahin unbekanntes Wort. Der Soldat lud noch zwei Mitschüler ein, und so brauste er mit uns auf einer damals kaum befahrenen Straße ins Nachbardorf und zurück.


    All diese Ereignisse liegen mittlerweile fast 80 Jahre zurück, aber ich habe sie bis heute nicht vergessen. Ich habe nicht vergessen, dass sich fremde Menschen aus anderen Ländern, mit einer anderen Sprache als dem Deutschen, mir und ebenso meinen Mitschülern zugewandt haben, einfach weil sie sahen, wie es uns damals ging.


    Diese Erlebnisse steigen in mir immer wieder auf, wenn ich auf den Straßen der Stadt, in der ich lebe, so vielen Menschen aus anderen Ländern begegne. “ (W.S.)

  • Gastbeitrag: Begegnung mit fremden Sprachen (Teil 1)

    In diesem Gastbeitrag beschreibt der Autor auf sehr anschauliche und berührende Weise, wie er als Kind fremden Sprachen begegnete. Ein zweiter Teil folgt demnächst.

    „Als 1945 der II. Weltkrieg zu Ende ging war ich acht Jahre alt. Während mein Vater damals als Offizier diente lebte ich gemeinsam mit meiner Mutter und meiner ältesten Schwester im Haus meiner Großeltern in Freiberg (Sachsen).

    Damals sammelte ich mit Begeisterung Briefmarken, vor allem aus dem Ausland. Dabei interessierte mich weniger der Wert einer Briefmarke als vielmehr das, was auf ihr zu sehen war, z.B. wer der Mensch war, den ich auf ihr sehen konnte, oder in welchem Land eine abgebildete Landschaft lag. Am meisten aber beschäftigten mich die Wörter dieser oder jener Fremdsprache.

    Ich hatte das Glück, meine Großmutter alles fragen zu können, was mich beschäftigte. So erfuhr ich, dass „Suomi“ nichts mit Oma zu tun hat sondern das finnische Wort für „Finnland“ ist. Auf Schweizer Briefmarken stand oft „pro iuventute“, und meine Großmutter erläuterte mir, dass das „für die Jugend“ bedeutet. Ich fragte zurück „also heißt Jugend „iuventute“, worauf sie erwiderte „nein, die Jugend heißt iuventus“. Ich fragte dann weiter, weil mich der Unterschied zwischen „iuventute“ und „iuventus“ zu interessieren begann. Durch dieses Gespräch wurde mein Interesse für Latein geweckt.

    In dieser Zeit bekam ich auch Briefmarken, auf denen mir unverständliche Buchstaben zu sehen waren. Ich fragte nach und erfuhr, dass die Briefmarken aus der damaligen Sowjetunion kamen, und dass die russische Sprache in kyrillischen Buchstaben geschrieben wird. Danach beschäftigte mich die Frage immer wieder, weshalb es noch andere Buchstaben gibt als die lateinischen Buchstaben der deutschen Sprache, die ich gerade in der Volksschule erlernt hatte.

    Es kam der Mai 1945. Von Westen war aus Richtung Chemnitz amerikanisches Artilleriefeuer und in östlicher Richtung, von Dresden her, war russischer Kanonendonner zu hören. Gleichzeitig jagten nahezu pausenlos Tiefflieger über den Himmel und schossen auf alles, was sich am Boden bewegte. Das alle hörte eines Tages wie mit einem Schlage auf: Kein Fliegeralarm, kein Geschützfeuer, aus welcher Richtung auch immer, keine Tiefflieger. Auf den Rat meines Großvaters, von Beruf Rechtsanwalt, zogen wir bei sonnigem Mai-Wetter mit einem kleinen Leiterwagen und einigen wenigen Habseligkeiten über die Landstraße in ein nahe gelegenes Dorf zu einem seiner Mandanten, der einen Bauernhof besaß. Als wir am nächsten Morgen beim Frühstück saßen breitete sich auf dem Hofgelände Lärm und Gepolter aus. Da wurde auch schon die Türe aufgerissen, und herein stürmten mehrere russische Soldaten mit der Maschinenpistole in der Hand. Wir erstarrten, aber die Russen schauten uns nur kurz an, begannen zu schmunzeln und wünschten uns sinngemäß weiter guten Appetit.

    Am selben Tage kehrten wir zu Fuß auf der Landstraße zurück und gerieten in einen größeren Flüchtlingstreck, der sich nur langsam nach vorne schob. Gleichzeitig hatten wir den größten Teil der Fahrbahn möglichst freizuhalten, da uns ständig russische Militärfahrzeuge aller Art überholten. Auf dieser mühseligen Rückwanderung im prallen Sonnenschein habe ich es nicht ein einziges Mal erlebt, dass russische Soldaten uns belästigten oder schlimmere Sachen anstellten. Sie wurden verständlicherweise nur dann unwirsch, wenn sie zu wenig Platz auf der Straße hatten, um mir ihren Fahrzeugen durchzukommen. Unbehelligt kehrten wir nach Freiberg zurück.

    Wenige Tage später klingelte es nachmittags Sturm an der Haustüre. Als wir öffneten standen vor uns mehrere russische Soldaten, wieder mit der Maschinenpistole in der Hand. Als sie meine Schwester und mich erblickten begannen sie vor Freude zu strahlen. Ein Soldat nahm meine Schwester auf den Arm und herzte sie, und dann beschenkten sie uns Kinder mit Süßigkeiten. Es stellte sich dann heraus, dass diese Soldaten den Auftrag hatten, Quartiere für ihre Offiziere zu suchen. Wenige Tage später wurden dann mehrere Offiziere bei uns einquartiert, was ich in den darauf folgenden Tagen kaum bemerkte, zumal unser Familienleben wie früher weiterging, ohne dass uns die Russen störten.

    Natürlich ergab es sich auch oft, dass die russischen Offiziere abends Gäste hatten und dann, wie ich mitbekam, fürstliche Gastmähler abhielten. Der Höhepunkt eines solchen Abends war dann etwas, was ich noch nicht kannte: Die Russen begannen ihre heimatlichen Volkslieder zu singen, und zwar mehrstimmig. Um es deutlich zu sagen: Sie haben nicht gegrölt sondern wunderschön gesungen. Das begeisterte mich so, dass ich abends, wenn ich schon längst im Bett sein sollte, wieder aufstand und heimlich im Flur vor den Zimmern der Russen stand, um ihren Liedern zuzuhören. Zur selben Zeit war im Nachbarhause eine russische Offiziersfamilie einquartiert worden. Zu ihr gehörte Kolja, eine Junge meines Alters (Kolja ist der Kosename von Nikolai). Wir lernten uns alsbald kennen. Er verstand kein Wort Deutsch, und ich verstand kein Wort Russisch, und dennoch haben wir uns gleich verstanden und spielten oft zusammen im Garten des großelterlichen Hauses. Leider wurde sein Vater nach einigen Wochen versetzt und verließ Freiberg wieder mit seiner Familie. Ich war damals sehr traurig, dass ich nicht mehr mit Kolja spielen konnte.

    Aber eines ist geblieben: Russische Menschen waren die ersten Ausländer, die ich in meinem Leben kennengelernt habe, und Russisch war die erste Fremdsprache, die ich leibhaftig habe sprechen hören.“ (W.S.)

  • Nach der Ungarnwahl

    Es gibt inzwischen viele Analysen und Stellungnahmen zur Wahl vom vergangenen Sonntag.

    Hier ist ein besonders lesenswerter Beitrag von Boris Kálnoky:

    Es gelingt Herrn Kálnoky auf sehr schöne Weise, die Situation in Ungarn zu beschreiben und gleichzeitig seinen eigenen Standpunkt und Hintergrundinformationen einfließen zu lassen, ohne dass man sich als Leser manipuliert fühlt. Der Schluss wirkt verbindend und verweist auf die anstehenden Aufgaben, denen sich die neue Regierung stellen muss.

    Auf Herrn Kálnoky bin ich über dieses Interview mit Frau Preradovic aufmerksam geworden. Trotz des reißerischen Titels wird das Gespräch von recht feinen Beobachtungen und Anmerkungen geprägt.

    Ich bin neugierig, wie sich die Situation in Ungarn weiterentwickelt. Die EU-Kritiker auch im Ausland haben eine wichtige Leitfigur verloren, die zwar wichtige Themen wie Eigenständigkeit, Frieden, Energiesicherheit,… in den Fokus führte, aber auch zu einigen Projektionen und Verantwortungsabgabe verleitet hat.

    Diese Ideale verlieren nicht an Wichtigkeit, sie müssen aber von jedem einzelnen Staat, jeder Kommune, eigentlich sogar jeder Einzelperson selbst gedacht und ausgestaltet werden.

  • Tage in Ungarn

    Wohin führt der Weg? (Auenlandschaft bei Györ, Ungarn)

    Heute, am 12.04.26 wird in Ungarn ein neues Parlament gewählt. Die Atmosphäre ist polarisiert, beiden Seiten wird unterstellt, von ausländischen Mächten beeinflusst zu sein. Orban wird Nähe zu Russland vorgeworfen, Peter Magyar unkritische EU-Treue.

    Ich war die letzte Woche in Ungarn unterwegs. Man sieht ruhige, schöne Städte, die Landschaft wirkt im Frühlingsblühen überaus lieblich. Wahlplakate sind sichtbar, aber recht dezent auf Laternenmasten etc. beschränkt, ich fühlte mich weniger bedrängt als in deutschen Wahlkämpfen. Man sieht in etwa gleich viele Plakate von Fidesz (Orban) und Tisza (Magyar).

    Menschen erzählen, dass Orban zwar für seine Traditionsbewahrung geschätzt wird, dass aber doch das Lohnniveau und vor allem die Renten deutlich zu niedrig seien.

    Orban, Ministerpräsident von Ungarn seit 2010, spricht von seinem Land als „Insel der Sicherheit und Ruhe“, als „Insel der freien Rede“ sowie als „Insel des Friedens“. Und in der Tat hat er in letzter Zeit mutig einen Gegenstandpunkt zu vielen umstrittenen Themen bezogen. Er zeigte sich als Gegner der Massenmigration, als Bewahrer von traditionellen familiären Strukturen sowie als Gegner der militärischen Eskalation in der Ukraine. Er bemühte sich, Beziehungen zu vielen Seiten zu pflegen und zu vermitteln.

    Die Umfrageergebnisse sind sehr unterschiedlich. Der Wahlausgang wird spannend.

    Durch die Polarisierung, die auch aus dem Ausland unterstützt wurde, ist fraglich, ob der Wahlausgang akzeptiert werden wird. Die Bevölkerung ist misstrauisch und auch die EU hat bereits in Rumänien gezeigt, dass sie in demokratische Wahlen eingreifen kann.

    Vielleicht gelingt es Ungarn, aufbauend auf den bisher gepflegten Werten, in Zukunft die Spaltungen im Wirtschaftsleben zu überwinden und Beziehungen sowohl zu EU-Staaten, als auch zu unabhängigen Staaten und sogar zu BRICS-Staaten zu pflegen?

  • Gastbeitrag: Begegnungen in Sotschi

    Zwei kleine Szenen vom Besuch in Sotschi, September 24. Sie sind eigentlich nur eine Randnotiz. Aber sie zeigen doch feine Unterschiede im Wesen der Menschen.

    Sotschi, man könnte sagen das Garda Russlands, allerdings mit mehr Strand, mehr an Kiosken, eigentlich einer kilometerlangen Strandbebauung nur für Touristen, wo man alles kaufen kann, was das Urlaubsherz begehrt. Wir sind etwas zurückgesetzt vom Meer in einem einfachen Zimmer untergebracht. Ich gehe einmal um die Mittagszeit an den Strand, einen Espresso Macchiato trinken. Dieses kleine besondere Kaffeegetränk ist zwar nicht überall bekannt, aber wir haben, wenn es nicht bekannt war, immer erlebt, dass man sich redlich bemühte, uns das Gewünschte zu servieren. Auch diesmal ist es so.

    Gegenüber der Kaffeebar eine aus Holz gebaute Sitzgelegenheit, eigentlich wie an einer Bar, nur dass man etwas erhöht aufs Meer blicken kann. Ich setze mich, bin alleine. Kurz darauf setzt sich ein Mann, etwa in meinem Alter, so Mitte fünfzig neben mich. Genaugenommen lächelt er mich zunächst an, sagt etwas auf russisch. Ich antworte auf englisch, dass ich ihn leider nicht verstehe. Er zeigt eine Zigarette, gestikuliert, will offensichtlich wissen, ob ich mich durch sein Rauchen gestört fühlen würde. Ich verneine, er setzt sich und zündet sich die Zigarette an. Wir schauen aufs Meer.

    Nach etwa einer Minute des Schweigens wendet er sich mir zu, gibt mir die Hand, und stellt sich mit Vornamen, sagen wir „Maxim“ (ich weiß den Namen nicht mehr) vor. Ich erwidere. Offensichtlich, wir hatten ja bereits ein paar Worte ausgetauscht, versteht er kein Englisch. Aber inhaltlich war das bisher zu bewältigen. Nun beginnt der Versuch, sich irgendwie zu verständigen. Immer wieder fallen einzelne Wörter. Maxim kramt in seinem spärlichen, aber aus einzelnen Wörtern bestehenden englischen Wortschatz, ich suche nach verständlichen Anknüpfungspunkten.

    Zu diesem Zeitpunkt waren bereits deutsche Leopard-Panzer gegen Russland eingesetzt worden. Es muss nicht jeder Leser so sehen, für mich aber ist es so, dass die Ukraine mindestens seit 2014 gezielt militärisch gegen Russland aufgebaut worden war. Deshalb versuche ich mich von der deutschen Regierung zu distanzieren. Schließlich bin ich Gast. Es ist aber auch mein voller Ernst. Es bleiben aber nur einzelne Wörter, von denen ich nicht genau herauslesen kann, wie sie ankommen. Das Gespräch, wenn man es so nennen will, bleibt aber am Laufen.

    Ein weitere Russe setzt sich auf der anderen Seite neben mich. Selbe Prozedur: Höfliche Frage, Zigarette?, Hände schütteln, Vorname. Auch er spricht kaum englisch, erwähnt aber eine deutsche Stadt.

    Es bleiben spärliche Versuche der Verständigung. Aber sie brechen nicht ab, bis wir uns – per Handschlag – verabschieden.

    Einmal überqueren wir ein vielbefahrene Straße, ich mit einem etwas gewagten Lauf durch eine kleine Lücke im Strom der fahrenden Autos. Wir treffen auf der anderen Seite auf einen Russen, der mein Manöver lachend kommentiert, uns – wir kennen es bereits – die Hand schüttelt, sich mit Vornamen vorstellt. Er ist vom Baikalsee. Den würden wir auch gerne mal besuchen.

    Es sind einzelne Szenen. Aber sie sind repräsentativ für die Stimmung und das Wesen der Menschen, wie es uns entgegenkam. Kann man sich das umgekehrt in Deutschland vorstellen? Wenn nicht, gibt es eine erschöpfende Erklärung, die den kulturellen und wesensmäßigen Unterschied außer Acht lässt? Wohl nicht! (F.S.)

  • Die beiden Welten – Gedicht von J. W. von Goethe

    Wer sich selbst und andre kennt,
    Wird auch hier erkennen:
    Orient und Okzident
    Sind nicht mehr zu trennen.

    Sinnig zwischen beiden Welten
    Sich zu wiegen, lass ich gelten;
    Also zwischen Ost und Westen
    Sich bewegen, sei’s zum Besten.

    In einer Zeitenwende, in der Brücken bewusst eingerissen werden, sich der bereits vorhandenen Brücken zu besinnen, sowie neue Brücken zu erahnen und auszugestalten – das ist etwas, was jeder Einzelne auch derzeit leisten kann.

  • Eugen Onegin am Salzburger Landestheater

    „Wo Frieden ist, da ist Kultur. Wo Kultur ist, da ist Frieden.“ (N. Roerich)

    Eine der irritierendsten Erfahrungen der letzten Jahre war, dass in der Situation, wo die Worte in der Politik versagten und zu den Waffen gegriffen wurde, die Kulturbetriebe sich sehr häufig auf eine Seite schlugen und keinen offenen Diskurs führten. Dirigenten und Sänger wurden gecancelt, Werke wurden vom Spielplan genommen. Städtepartnerschaften wurden ausgesetzt oder gar ganz beendet.

    Die Kunst hätte eigentlich eine große integrierende Kraft. Wie schön, wenn ein Theater dies erkennt und ausgestaltet. Am Salzburger Landestheater wird derzeit die Oper Eugen Onegin von Tschaikowsky aufgeführt. In russischer Sprache und mit deutschen und englischen Unter-(Über-?)titeln. Eine Wohltat in dieser polarisierten Zeit.

  • Ilja Repin: Die Wolgatreidler

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ilya_Repin_-Barge_Haulers_on_the_Volga-_Google_Art_Project.jpg

    Dieses Gemälde von Ilja Repin ist eines der bekanntesten Kunstwerke. Eine Gruppe von Männern zieht einen Kahn wolgaaufwärts. Man sieht ihnen die harte, schwere Arbeit an. Die Arbeit wirkt routiniert und aufeinander abgestimmt. Im Zentrum steht ein jüngerer Treidler, der sich aufrichtet, den Blick in die Weite richtet. Seine Herzregion ist auch farblich hervorgehoben. Am rechten Bildrand erscheint in der Ferne ein Zeichen der neuen Zeit: ein Dampfschiff.

    Dieses Bild wird oft als Zeichen der körperlichen Kraft und Leidensbereitschaft der Bevölkerung an der Wolga gedeutet.

    Im Artikel https://www.bpb.de/themen/europaeische-geschichte/geschichte-im-fluss/210102/treidler-an-der-wolga/ wird darüberhinaus auch auf die geordnete Abstimmung in der Gruppe – der Lotsen, der erfahrenen Treidler und der jungen Unerfahreneren – verwiesen. Ebenso gehörten Kenntnisse über Untiefen, Wasserstand und eine gute Zeitplanung zur Aufgabe.

    Ich möchte hier vor allem auf den jungen Treidler hinweisen: Inmitten der wichtigen und gewohnten Arbeit hält er inne, erhebt sich und blickt umher. Er löst sich für einen Moment aus der Gewohnheit und richtet sich auf.

    Dies scheint mir ein wichtiger Aspekt zu sein. Auch heutzutage sind wir oft fest in unserem gewohnten Handeln eingebunden. Wir haben unsere Arbeit bisher meist als sinnvoll erlebt und hinterfragen sie selten. Gleichzeitig erleben wir große Umbrüche, viele Systeme sind am Wanken und können den Anforderungen der Zeit nicht mehr gerecht werden. Ein Innehalten, ein Aufrichten und Durchatmen kann helfen, die Gleichzeitigkeit von Altem und Neuem besser zu ertragen, besser einordnen zu können. Ein Selbstvertrauen, das auf dem bisher Geleisteten gründet, in Verbindung mit einem weiten Blick nach vorne (und nach oben) und der Wahrnehmung der Anforderungen der Gegenwart – darin sehe ich unseren Entwicklungsraum.

    Als Abschluss dieses Beitrages noch eine schöne Ausgestaltung des bekannten Lieds der Wolgatreidler: