Vor ein paar Jahren reiste ich nach Russland. Wenn man per Flugzeug anreist, hat man natürlich den Nachteil, dass man vor Ort nicht sehr mobil ist. Da ich gerne auch ein wenig außerhalb der Stadt unterwegs sein wollte, beschloss ich, einen Roller zu mieten. Ich suchte mir also im Internet die Telefonnummern und Adressen von Motorradverleihern heraus. Der erste war nicht erreichbar, beim zweiten war an der angegebenen Adresse alles mögliche zu sehen, aber keine Zweiräder.
Nun der dritte Versuch: Ich hatte mir einen Satz auf Russisch zurechtgelegt („ich spreche nicht gut Russisch, sprechen Sie Deutsch oder Englisch“?) und versuchte mein Glück. Zu meinem Erstaunen fing der Angerufene an, eine ganze Strophe von „Oh, Tannenbaum“ ins Telefon zu singen. Wir lachten beide, es stellte sich heraus, dass dieses Lied das einzige war, wo wir uns treffen konnten. Weder meine Russischfragmente noch sein Deutsch reichten aus, um gemeinsam ins Geschäft zu kommen.
Dieses Erlebnis hat mich noch lange beschäftigt: Wer von uns könnte spontan ein Lied auf Russisch singen? Und dann auch noch ins Telefon? Ich erinnere mich, dass in einem Liederbuch meiner Kindheit das „Lied der Wolgaschlepper“ (He uchnjem) abgedruckt war. In der Schule gelernt habe ich es aber nicht. Eine Bekannte hat mir gesagt, dass sie in der Grundschule (in Westdeutschland) eine deutsche Version von „Katjuscha“ gelernt hatte.
Wie schön ist es, einfache Lieder eines anderen Volkes zu kennen und zu können. Es schafft eine herzliche Verbindung von Mensch zu Mensch.

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