Als unser Zug sich Smolensk näherte, es ist die erste Stadt nach der Grenze, war ich ziemlich aufgeregt und neugierig, was ich wiedererkennen würde. Der mintfarbene Bahnhof ist ein schönes, altes Gebäude. Ich habe ihn sofort wiedererkannt. Von diesem Bahnhof aus sind wir damals (1987) verreist. Eine Reise war damals mit der Gruppe, und einmal reiste ich mit meiner Zimmerkollegin auf eigne Faust nach Kaluga zu unseren Studienkollegen, die dort ein ganzes Jahr verbrachten. Damals waren die Bahnhöfe voller Menschen mit viel Gepäck, die lange Zeit warten mussten und teilweise auch schliefen. Man musste früher viel Zeit investieren, um die Reise zu vollenden.
Also, dieser Bahnhof war mir vertraut.

Ich wollte gleich die Rückfahrkarten kaufen, damit die Sache erledigt ist. Das war eine sehr gute Idee, denn, wie sich herausstellte, hätten wir fast keine mehr bekommen. Da man immer durch eine Kontrolle muss, wartete mein Mann draußen. Man zieht ein Billet und mit dieser Nummer wird man dann an den Schalter gerufen. Die Frau am Schalter war sehr freundlich. Ich verstand vieles nicht und entschuldigte mich für mein schlechtes Russisch. Es ist interessant, wenn man die Sprache nur teilweise versteht: man interpretiert die Aussagen, überlegt, was sie gefragt haben könnte und kommt dann schon zusammen. Im Nachhinein glaube ich, dass sie gefragt hat, ob wir Bettwäsche brauchen, weil es sich um einen Schlafwagen handelte. Sie malte mir dann die Betten auf, die wir aber dann bei der Rückfahrt gar nicht in Anspruch nahmen. (Der Zug fuhr weiter nach Kaliningrad, aber wir stiegen ja in Minsk schon wieder aus.)
Diese Begegnung mit der netten Frau am Schalter, sie hieß Anna, ging mir nicht aus dem Sinn und ich hatte das Bedürfnis, mich bei ihr für ihre Geduld zu bedanken. Ich hatte zuhause kleine Geschenke vorbereitet, und ich ging ein paar Tage später in den Bahnhof und suchte Anna. Sie saß an einem anderen Schalter, erkannte mich von weitem und winkte mir zu. Das war etwas,was mich hoch erfreute. Ich musste eine Weile warten, weil sie Kunden hatte. Ich sprach ein paar Sätze mit ihr und übergab ihr das Geschenk. Wenn man so weit weg von daheim ist, fühlt man sich durch solche Begegnungen doch auch dort zuhause, es ist schwer zu beschreiben. Ich kann weder die Sprache richtig gut, noch könnte ich unbeschwert in dem Land leben, noch kenne ich mich gut aus. Aber in dem Moment, wo man in den Bahnhof geht, sich orientiert und das Ziel hat, Anna zu finden, und sie freut sich und winkt einem zu – dann ist für einen Moment irgendwie ein Band gewoben. Auch wenn das nur kurz ist, ich kann das immer wieder in Erinnerung rufen. Solche Erlebnisse machen die Reise aus. Auch heute fühle ich mich verbunden.

Zurück zur Ankunft in Smolensk. Kein Taxi wollte uns fahren, man sagte uns, wir seien ganz nah. Es war ein Schreck: uns erwartete eine riesige Baustelle. Wir gingen mit unseren Koffern durch den Staub und standen dann schließlich vor dem sehr einfachen Hotel. Es war sehr schwierig, von zuhause aus ein Hotel zu buchen, da man es ja auch nicht bezahlen kann. Sie hatten aber auf Emails geantwortet und so haben wir uns dafür entschieden. Die Bedingungen waren einfach, innen war es aber mit alten Holzmöbeln und Holzdecken ausgestattet. Holzschnitzereien im Speisesaal erinnerten an die Zarenzeit. Es war insgesamt einfach, aber wir fanden uns zurecht.
Wir fanden heraus, dass auf der Straße vor dem Hotel (Klein-)busse fuhren. Der Fahrpreis ist günstig und für alle Fahrstrecken gleich.
Wir besuchten mehrmals einen großen Park, an den ich mich von meinem ersten Aufenthalt noch ein wenig erinnerte. Dieser Park wurde für uns zu einem Mittelpunkt des Aufenthalts: ein Fluss, auf dem man auch mit Gondeln fahren konnte, ein Denkmal für den Komponisten Glinka, bei dem auch Musik ertönte, Springbrunnen, durch die die Kinder hindurchliefen, ruhigere Abschnitte,wo man ich auf einer Bank zurückziehen konnte.
Wir erlebten sehr klares Sonnenlicht, das die Farben in diesem Park wunderbar hervorbrachte.Die Luft war klar und frisch, wir fühlten uns in diesem Park wie in einem Luftbad und erholten uns sehr gut.
Der Fluss, der durch Smolensk fließt, heißt Dnjepr. Er ist zwar sehr lang, aber bei Smolensk noch sehr jung. Den schönsten Blick auf den Fluss hatten wir flussaufwärts. Wir sahen einen alten Brückenrest, an dem sich gerne Jugendliche trafen. Der Blick von dort auf den Fluss war sehr anziehend.

Am letzten Tag machten wir einen Ausflug nach Teremok (https://westundost.de/2026/08/04/reise-nach-smolensk-teil-1/).
Teremok war um die Jahrhundertwende (19./20. Jh) ein Künstlerdorf, ca.25 km außerhalb von Smolensk. Es war nicht leicht, herauszufinden, wo der Bus abfährt. Wir fuhren durch ganz einfache Dörfer und sahen schlichte Häuser mit wunderschönen Gärten. Teremok ist ein schönes Naturgelände mit einigen alten Häusern mit typischer russischer Holzkunst.

Das Spiel zwischen Sonne, Wind, Bäumen und Häusern war so bezaubernd, ich wünschte, ich hätte malen können. Die Kirche war eingezäunt, weil sie restauriert wird. Ein Moskauer fasste sich ein Herz und überwand den Zaun und wir taten es ihm gleich. Die Wiederbegegnung mit dem Jesusporträt von Nikolai Röhrich war sehr berührend. Junge Künstler haben dieses Kunstwerk restauriert. https://westundost.de/2026/05/25/ueber-nikolaj-roerich/




















