Stefan Zweig: Reise nach Russland

Diese Reisebeschreibung hat es in sich: Stefan Zweig war 46 Jahre alt, ein großer Schriftsteller, der Briefkontakt zu Maxim Gorki hatte und nun von der sowjetischen Regierung zur Feier von Tolstois 100. Geburtstags eingeladen wurde. Neugierig und offen besuchte er das Russland nach der Revolution und beschrieb, was er sah. Trotz seiner Distanz zu Agitation und Ideologie vermochte er, das Gesehene ausdrucksstark zu beschreiben. Man erkennt, wie sehr ihn die Leidensfähigkeit des russischen Volkes, auch der russischen Künstler, die teilweise in großer Armut lebten, bewegte. Wenn er vom „kühnste(n) soziale(n) Experiment, das je ein Volk mit sich selbst versucht“, schreibt, kann man seine Erschütterung nachempfinden.

Hier hatte ich beim Erstellen des Beitrags einen Youtubelink zu einem Hörbuch des Russlandreiseberichts verlinkt. Leider ist das Video nicht mehr verfügbar.

Unter diesem Link kann man aber den Text lesen:https://projekt-gutenberg.org/authors/stefan-zweig/books/reise-nach-russland/chapter/2/

Er beschreibt seine Eindrücke beim Gang durch Moskau, das Nebeneinander von altem Glauben und dem „neuen Geist“. Er besuchte die offizielle Feier zu Tolstois Ehren und besuchte auch dessen Grab auf dem Landgut Jasnaja Polijana. Bei der Beschreibung des eindrucksvollen, weil einfachen und schmucklosen Grabs („herrlich schweigendes, rührend namenloses Grab im Walde“)fühlt man sich an Tolstois Erzählung „Wie viel Erde braucht der Mensch“? erinnert.

Er reiste auch nach Leningrad und wurde dort vom Direktor durch die Schatzkammer der Eremitage geführt. Dies, sowie seine Beschreibung der aufblühenden Museen, der Aktivität der jungen Dichter, sind trotz ihrer Zeitbedingtheit auch heute noch lesenswert.

Hier am Ende noch ein paar Zitate von Stefan Zweig:

“ Wir haben alle, unbewusst oder bewusst, an Rußland ein Unrecht getan und tun es noch heute. Ein Unrecht durch Nichtgenugwissen, durch Nichtgenuggerechtsein.““

„Die Hälfte aller Urteile über das gegenwärtige Russland sind leider heute Vorurteile, das heißt, vor das eigene Blickfeld geschobenene starre Standpunkte, die andere Hälfte Nachurteile, das will sagen, anderen nachgeredete Meinungen. Und erfahrungsgemäß ändern solche persönliche Prophezeiungen so wenig wie Zimmerprognosen das wirkliche Wetter, den unerschütterlichen Gang der Geschichte.“

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