Wenn man Frieden nicht nur als Abwesenheit von Kampfhandlungen, sondern in einem umfassenderen Sinn versteht als Interesse am Anderen, als Wunsch, den Anderen in seiner Entwicklung zu fördern und gemeinsam wachsen zu wollen, dann kann es ein wertvolles Unterfangen sein, auf die andere Seite zuzugehen.
Während die Bundesbürger, die im Westen aufgewachsen sind, oft nur über Literatur und Kunst einen Bezug zur Sowjetunion hatten, so sind viele ehemalige DDR-Bürger in direkten Kontakt gekommen, über berufliche Kontakte oder z.B. über Austauschprogramme.
Die nächsten Beiträge stammen von einer Gastautorin, die im Winter 1987/88 ein halbes Jahr in Smolensk verbrachte. Nun reiste sie im Juli 2026 wiederum nach Smolensk und schildert hier ihre Eindrücke.
Auf nach Smolensk
„1987 war ich Studentin an einer Hochschule und habe unter anderem Russisch studiert. Diese Sprache ist mir sehr, sehr schwer gefallen. Ein Bestandteil des Studiums war ein Auslandsaufenthalt in Russland, entweder für 6 Monate oder für ein Jahr. Dieser Auslandsaufenthalt hat mich gereizt, ein ganzes Jahr habe ich mir aber nicht zugetraut. Das Land war damals in furchtbaren Zuständen. Es fand ein Ausverkauf statt, es gab skrupellose Geschäftleute aus dem In- und Ausland, die sich bereicherten und das Land in die Armut führten. Die Regierung hatte sich damals nicht gekümmert. Wir sind mit dem Zug gefahren, die Fahrt ging drei Tage und drei Nächte. Wir sind auch viel gestanden, der Zugverkehr war damals nicht wie heute. Wir waren eine große Gruppe von Studentinnen, und ein Dozent fuhr mit uns mit.
Das Internat
Ich erinnere mich an den erschütternden Anblick des Internats, wo wir für das halbe Jahr leben sollten. Es war ein Haus, das vom Fundament her schon abgerutscht war. Es machte den Eindruck, es würde nicht mehr lange halten, und wir trauten uns fast nicht, den Fahrstuhl zu benutzen. Das Zimmer, wo wir wohnen sollten, glich eher einer Strafanstalt als einem Internat. Ein kleiner, alter Holzschrank, ein Regal, alte Fenster, durch die die Kälte des Winters hereinkroch, ein Tisch, zwei Stühle. Die Betten wie aus einem Metallgitter mit alten Matratzen drauf. Für uns war das sogenannte Bad aber noch mal eine harte Herausforderung: Es gab nur ein kleines Waschbecken und über einen Monat kein warmes Wasser, das war nach über drei Tagen Zugfahrt nicht sehr angenehm. Ich erinnere mich, dass wir uns mit Geschick und Fantasie aber so einrichteten, dass jeder Zahnputzbecher doch seinen Platz fand, und dass wir die Toilette benutzen konnten, ohne uns zu ekeln. Wir hatten auch Sachen mitgenommen, mit denen wir uns das Zimmer verschönern konnten. Als wir ankamen, wollte meine Zimmerkollegin uns einen schönen Tee kochen. Sie hatte einen wunderbaren Tee, der in der DDR sehr teuer war, dabei. Wir freuten uns schon sehr darauf. Als sie mit den Teetassen ankam, schwamm eine weiße Schicht obenauf, das Wasser war sehr verkalkt.
Erstes Kennenlernen
Es war gut, dass wir jung waren. Es kam uns hart an, aber mit der Zeit gewöhnten wir uns an alles und nutzten die Zeit.
Ich las unter anderem Dostojewski und wir wühlten uns durch die russische Geschichte.
Die Armut war groß unter den Menschen. Wir wussten anfangs nicht, was wir kochen sollten. Gemüseläden gab es nicht, wir fanden nur Läden vor, in denen es Gläser mit Rot- und Weißkraut gab. Etwas Frisches fanden wir nicht. Schließlich machten uns Bekannte, junge russische Männer, die uns in den nächsten Monaten auch öfter ausführten, auf einen Schwarzmarkt aufmerksam. Wir suchten diesen auf und waren erstaunt: da gab es alles in Hülle und Fülle. (Auch heute ist es in Smolensk noch so, dass die Menschen aus den umliegenden Dörfern in die Stadt fahren und, auf kleinen Holzkisten sitzend, ihre unglaublich guten Produkte anbieten.) Damals wurden auch Vögel und ganze, abgetrennte Tierköpfe verkauft (was für uns natürlich furchtbar war). Wir erstanden damals frisches Obst und kauften Auberginen. Die kannten wir aber noch gar nicht, es gab sie bei uns nicht. Wir brieten sie an und fanden sie ganz vorzüglich.
Kälte und Erschwernisse
Es war ein sehr, sehr harter Winter. Ich kann mich an die Kälte erinnern. Wir versuchten, die Kälte mit kleinen Heizgeräten im Zimmer zu lindern, überforderten aber damit öfter die Sicherung. In Smolensk liefen auch viele Hunde herum, manche mit nur drei Beinen, die hungrig waren. Es lag viel Müll herum, viele spuckten auf die Straße. Es war eine Zeit, in der viel Alkohol konsumiert wurde, viele Menschen standen danach Schlange.
Ausflüge
Unsere Studentengruppe unternahm viele Ausflüge. Wir waren in Moskau und St. Petersburg. Aber am meisten erinnere ich mich an das eiskalte und kristallklare Nowgorod. Es war so kalt und faszinierend. Wir wärmten uns in der Kirche an den Kerzen. Den Kreml und vor allem die glasklare Winterluft mit der Sonne – das habe ich in sehr guter Erinnerung behalten.
Einen Ausflug haben wir mit unseren russischen Bekannten gemacht: wir sind weit rausgefahren und dann durch den Wald gelaufen. Plötzlich standen wir vor einer alten, verfallenenen Holzkirche. Darauf war ein Mosaik mit einem Jesuskopf. Alles war verblichen und wie ich heute erfuhr, hatte man damals in dieser Holzkirche Düngemittel gelagert. Um die Situation in der Sowjetzeit zu verstehen, lohnt es sich, Stefan Zweigs „Reise nach Russland“ zu lesen. Man hat damals diese Kunstschätze nicht geschätzt. Der Jesuskopf an der Kirche hat mich damals tief beeindruckt und so war es ein großes Glück, dass ich ihn auf unserer Reise in diesem Jahr wiedersehen konnte.
Die Eindrücke, die geblieben sind
Ich erinnere mich an die Menschen, die uns dort aufgenommen und uns unser Dasein dort erträglich gemacht haben. Wir waren sicher in den Auge der Russen „verwöhnt“. Der DDR ging es damals viel besser, wir hatten eine schöne Wohnung mit Heizung und fließend warmen Wasser, ein Bad mit Wanne und ein Klo mit Wasserspülung. Wir hatten in dieser Zeit eigentlich auch keine Geldnot. Wir konnten uns relativ viel kaufen und haben uns nun Gemüse auf dem Schwarzmarkt gekauft.
Die Dozenten waren alle sehr nett und überhaupt: wenn wir es mit den russischen Menschen zu tun hatten, so war irgendwie immer Heiterkeit und Freundlichkeit anwesend.
Von Smolensk 1987/88 sind mir keine konkreten Bilder, sondern eher Eindrücke, eher ein Empfinden zurückgeblieben: das hat mit der Geschichte, der Literatur und den Menschen zu tun. Auch wenn mir die Sprache schwerfiel, haben wir uns mit diesem Land verbunden gefühlt. Man muss dazu sagen, dass wir wirklich sehr jung waren. Ich habe damals auf dieser Reise das Land nicht sehr tief aufgenommen, aber ich weiß, in den kalten Tagen, als ich auf dem Bett gelegen habe und Dostojewski oder russische Geschichte gelesen habe, war ich tief bewegt. Die russische Geschichte sollte man kennen, um das ganze Land zu verstehen.
Damals hätte ich nie gedacht, dass ich diese Stadt wiedersehe, denn die Verbindung zu Russland ist erst mit den Lebensjahren entstanden und hat sich tiefgründig durch die Literatur, die Musik, die Kunst ausgearbeitet. Spontan bin ich auf die Stadt als Reiseziel gekommen, weil hier ein Anknüpfungspunkt bestand.“ (Y.P.)
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