Bei der Beschäftigung mit Hermann Hesse las ich kürzlich, dass sein Großvater väterlicherseits als Arzt und russischer Staatsrat im russischen Zarenreich lebte und dass Hermann Hesse, der mir als deutscher und dann schweizer Staatsbürger bekannt war, bei Geburt auch die russische Staatsangehörigkeit hatte.
Durch die wirtschaftlichen Aktivitäten der Hanse siedelten sich ab dem 12./13.Jahrhundert deutschsprachige Menschen in den baltischen Gegenden an und prägten dann nicht nur das wirtschaftliche, sondern auch das politische und kulturelle Leben.
Die baltischen Staaten Estland, Lettland, Litauen grenzen an Russland, Weißrussland, Polen und an die Ostsee. Finnland und Schweden sind nahe. Erstmals wurden die baltischen Länder nach dem 1. Weltkrieg unabhängig und dann wieder ab 1990.
Die russische Exklave Kaliningrad (Königsberg) grenzt an Litauen und die direkte Verbindung von Kaliningrad mit Russland führt durch das Baltikum.
Ursprünglich geprägt durch die Hanse, also durch wirtschaftliche Aktivität, entwickelte sich im Bereich Königsberg/Baltikum ein überaus reges kulturelles Leben. Immanuel Kant (lebte in Königsberg), E.T.A. Hoffmann und Käthe Kollwitz (in Königsberg geboren), Arvo Pärt (estnischer Musiker), Mikhail Baryshnikow (lettischer Ballettkünstler), Sergej Eisenstein (in Lettland geborener Regisseur),… die Liste der Menschen, die zum Kulturschatz der Menschheit beitrugen, ist lang.
Eines der bekanntesten deutschen Liebeslieder wurde in dieser Region geschaffen:
Der Text wurde wohl ursprünglich vom Dichter Simon Dach (geboren in Preußisch-Litauen) 1636 in Königsberg für die Priestersgattin Anna Neander in „samländischem Niederdeutsch“ geschrieben. Inhaltlich wird dort die Liebesbeziehung als gemeinsamer Lebensweg beschrieben. Wenn man zusammensteht, können einem die ganzen Beschwernisse und Herausforderungen des Lebens nichts anhaben, sondern das Miteinander sogar noch bestärken. Vielleicht erklärt sich diese Schwerpunktsetzung auch dadurch, dass der Text zur Zeit der 30jährigen Kriegs verfasst wurde. Die eingängige Melodie wurde im 19. Jahrhundert von Friedrich Silcher beigefügt.
Eigentlich wäre diese Region rund um die Ostsee prädestiniert für einen Austausch der Länder, für einen intensiven Handel, für eine Erinnerung an gemeinsame Abschnitte der Geschichte, für die Wertschätzung der Errungenschaften der Philosophie, der Dichtkunst, der Malerei, der Musik. Was für eine bittere Einengung ist es, wenn das Baltikum heutzutage nur noch unter militärstrategischen Aspekten betrachtet wird,

Die Übersetzung des „Anke van Tharaw“ ins Hochdeutsche nahm übrigens Johann Gottfried Herder vor. Herder wurde geboren im heutigen Polen, lebte als junger Mann in Königsberg, arbeitete in Riga (heute Lettland) und kam zu seiner vollen Reife in Weimar.
Von ihm stammen weise Aussagen zum Nebeneinander und empathischen Miteinander der Nationen.

„Offenbar ist’s die Anlage der Natur, daß wie ein Mensch, so auch ein Geschlecht, also auch ein Volk von und mit dem anderen lerne, unaufhörlich lerne, bis alle endlich die schwere Lektion gefaßt haben.’Kein Volk sei ein von Gott einzig auserwähltes Volk der Erde, die Wahrheit müsse von allen gesucht, der Garten des allgemeinen Besten von allen gebaut werden, am großen Schleier der Minerva sollen alle Völker, jedes auf seiner Stelle, ohne Beeinträchtigung, ohne stolze Zwietracht wirken.’“
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