Wenn Leben vor der Zeit enden

Es gibt Ereignisse, von denen hört man, und man vergisst sie nie. Die jemenitischen Kinder, die im Schulbus bei einem Angriff des saudi-arabischen Militärs starben, die iranischen Mädchen, die bei dem US-Angriff auf ihre Schule ums Leben kamen, die russischen Jugendlichen, die in ihrem Studentenwohnheim durch einen ukrainischen Drohnenangriff starben.

Die Erschütterung bei diesen Ereignissen ist vielleicht deshalb so tief, weil Kinder und Jugendliche, die in einer fulminanten, ständigen Entwicklung stehen, die Hoffnung auf das Voranschreiten der ganzen Menschheit nähren. Als älterer Mensch blickt man freudig auf den Tatendrang, auf die ehrlichen Gefühle und auf das Gerechtgkeitsgefühl der Jugend. Sterben junge Menschen gewaltsam durch kriegerische Akte, verliert die ganze Menschheit zuerst einmal an Potential und an Zukunftsfähigkeit.

Dies hat der Künstler Axel Weinstein in seinem Lied „Girls from Minab“ ausgedrückt

Hier ist auch noch eine sehr gediegene Interpretation des Liedes von Stephan Wunderlich und Aline Roüast:

Was bleibt für uns alle, die wir mit solchen Geschehnissen konfrontiert werden? Wir könnten die Entwicklungsfähigkeit, die die Kinder lassen mussten, aufnehmen, und uns zu höchsten Idealen aufrichten.

Was ist nun mit Menschen, die schon auf viel gelebtes Leben zurückblicken konnten und trotzdem gewaltsam vor ihrer eigentlichen Zeit im Krieg sterben?

Ich nehme hier das Beispiel von Stanislaw Boguslawskij, einem Poeten aus Perm, der 74jährig durch eine ukrainische Drohne getötet wurde.

Übersetzung des Umschlagtextes seiner Gedichtesammlung „Kniga is telefona“)

„Der Autor dieses Buches wurde in der Mitte des vorigen Jahrhunderts geboren. Er studierte in Perm und machte Wehrdienst auf der Halbinsel Kamtschatka, förderte Kohle in Workuta. Er arbeitete im Arktischen Ozean als erster Assistent des Kapitäns auf dem Eisbrecher „Kapitän Melechow“, später auf dem Güterschiff „Perm“. Er hatte auch Erfahrungen als Geschäftsmann und Reisender. Sein 60-jähriges Jubiläum feierte er auf dem Everest.
Die Gedichtsammlung „Ein Buch aus dem Telefon“ ist seine erste Erfahrung im Bereich des literarischen Schaffens. Ein Versuch, neue Angriffspunkte zu finden.“

Man steht beeindruckt vor so einem Lebenslauf. Immer wieder neue Herausforderungen, harte Aufgaben in unwirtlichen Regionen. Anstatt diese ausführlich beispielsweise in einer Autobiographie zu beschreiben, hat sich Herr Boguslawskij dafür entschieden, sich der Gedichtsform zuzuwenden.

Vor vielen Jahren las ich einmal einen Aphorismus, der sinngemäß lautete: „Dichten heißt, sich selbst zu öffnen, indem man das Leben verdichtet. Es heißt aber auch sich selbst zu verdichten, indem man das Leben öffnet.“ (Ich würde mich freuen,wenn mich jemand auf den Autor und den genauen Wortlaut hinweisen könnte.)

So eine Verdichtung seiner selbst hat Herr Boguslawakij in seinen Gedichten hinterlassen. Wenn man sich ihnen zuwendet, kann man ein Empfinden dafür entwickeln, welche Werte und Ideale ihm im Leben wichtig waren. Ich meine dies nicht in einem vorschnellen, phantastischen oder emotionalen Sinn, sondern in einer wiederholten, konkreten und sachlichen Zuwendung. Es entsteht langsam ein Gefühl der Verbindung mit dem Verstorbenen.

Der in einem kleinen Dorf an der Tschussowaja lebende deutsche Musiker Klaus Burger hat eine sehr berührende Übersetzung eines Gedichtes von Stanislaw Boguslawskij geschaffen, die ich hier veröffentlichen darf:

Ein nüchternes Wahrnehmen und ein wiederholtes Zuwenden zur verstorbenen Person und seinen Taten und Werken –

Was macht das mit uns? Was macht das mit der verstorbenen Seele? Was ändert sich in der Atmosphäre?

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