In diesem Gastbeitrag beschreibt der Autor auf sehr anschauliche und berührende Weise, wie er als Kind fremden Sprachen begegnete. Ein zweiter Teil folgt demnächst.
„Als 1945 der II. Weltkrieg zu Ende ging war ich acht Jahre alt. Während mein Vater damals als Offizier diente lebte ich gemeinsam mit meiner Mutter und meiner ältesten Schwester im Haus meiner Großeltern in Freiberg (Sachsen).
Damals sammelte ich mit Begeisterung Briefmarken, vor allem aus dem Ausland. Dabei interessierte mich weniger der Wert einer Briefmarke als vielmehr das, was auf ihr zu sehen war, z.B. wer der Mensch war, den ich auf ihr sehen konnte, oder in welchem Land eine abgebildete Landschaft lag. Am meisten aber beschäftigten mich die Wörter dieser oder jener Fremdsprache.
Ich hatte das Glück, meine Großmutter alles fragen zu können, was mich beschäftigte. So erfuhr ich, dass „Suomi“ nichts mit Oma zu tun hat sondern das finnische Wort für „Finnland“ ist. Auf Schweizer Briefmarken stand oft „pro iuventute“, und meine Großmutter erläuterte mir, dass das „für die Jugend“ bedeutet. Ich fragte zurück „also heißt Jugend „iuventute“, worauf sie erwiderte „nein, die Jugend heißt iuventus“. Ich fragte dann weiter, weil mich der Unterschied zwischen „iuventute“ und „iuventus“ zu interessieren begann. Durch dieses Gespräch wurde mein Interesse für Latein geweckt.
In dieser Zeit bekam ich auch Briefmarken, auf denen mir unverständliche Buchstaben zu sehen waren. Ich fragte nach und erfuhr, dass die Briefmarken aus der damaligen Sowjetunion kamen, und dass die russische Sprache in kyrillischen Buchstaben geschrieben wird. Danach beschäftigte mich die Frage immer wieder, weshalb es noch andere Buchstaben gibt als die lateinischen Buchstaben der deutschen Sprache, die ich gerade in der Volksschule erlernt hatte.
Es kam der Mai 1945. Von Westen war aus Richtung Chemnitz amerikanisches Artilleriefeuer und in östlicher Richtung, von Dresden her, war russischer Kanonendonner zu hören. Gleichzeitig jagten nahezu pausenlos Tiefflieger über den Himmel und schossen auf alles, was sich am Boden bewegte. Das alle hörte eines Tages wie mit einem Schlage auf: Kein Fliegeralarm, kein Geschützfeuer, aus welcher Richtung auch immer, keine Tiefflieger. Auf den Rat meines Großvaters, von Beruf Rechtsanwalt, zogen wir bei sonnigem Mai-Wetter mit einem kleinen Leiterwagen und einigen wenigen Habseligkeiten über die Landstraße in ein nahe gelegenes Dorf zu einem seiner Mandanten, der einen Bauernhof besaß. Als wir am nächsten Morgen beim Frühstück saßen breitete sich auf dem Hofgelände Lärm und Gepolter aus. Da wurde auch schon die Türe aufgerissen, und herein stürmten mehrere russische Soldaten mit der Maschinenpistole in der Hand. Wir erstarrten, aber die Russen schauten uns nur kurz an, begannen zu schmunzeln und wünschten uns sinngemäß weiter guten Appetit.
Am selben Tage kehrten wir zu Fuß auf der Landstraße zurück und gerieten in einen größeren Flüchtlingstreck, der sich nur langsam nach vorne schob. Gleichzeitig hatten wir den größten Teil der Fahrbahn möglichst freizuhalten, da uns ständig russische Militärfahrzeuge aller Art überholten. Auf dieser mühseligen Rückwanderung im prallen Sonnenschein habe ich es nicht ein einziges Mal erlebt, dass russische Soldaten uns belästigten oder schlimmere Sachen anstellten. Sie wurden verständlicherweise nur dann unwirsch, wenn sie zu wenig Platz auf der Straße hatten, um mir ihren Fahrzeugen durchzukommen. Unbehelligt kehrten wir nach Freiberg zurück.
Wenige Tage später klingelte es nachmittags Sturm an der Haustüre. Als wir öffneten standen vor uns mehrere russische Soldaten, wieder mit der Maschinenpistole in der Hand. Als sie meine Schwester und mich erblickten begannen sie vor Freude zu strahlen. Ein Soldat nahm meine Schwester auf den Arm und herzte sie, und dann beschenkten sie uns Kinder mit Süßigkeiten. Es stellte sich dann heraus, dass diese Soldaten den Auftrag hatten, Quartiere für ihre Offiziere zu suchen. Wenige Tage später wurden dann mehrere Offiziere bei uns einquartiert, was ich in den darauf folgenden Tagen kaum bemerkte, zumal unser Familienleben wie früher weiterging, ohne dass uns die Russen störten.
Natürlich ergab es sich auch oft, dass die russischen Offiziere abends Gäste hatten und dann, wie ich mitbekam, fürstliche Gastmähler abhielten. Der Höhepunkt eines solchen Abends war dann etwas, was ich noch nicht kannte: Die Russen begannen ihre heimatlichen Volkslieder zu singen, und zwar mehrstimmig. Um es deutlich zu sagen: Sie haben nicht gegrölt sondern wunderschön gesungen. Das begeisterte mich so, dass ich abends, wenn ich schon längst im Bett sein sollte, wieder aufstand und heimlich im Flur vor den Zimmern der Russen stand, um ihren Liedern zuzuhören. Zur selben Zeit war im Nachbarhause eine russische Offiziersfamilie einquartiert worden. Zu ihr gehörte Kolja, eine Junge meines Alters (Kolja ist der Kosename von Nikolai). Wir lernten uns alsbald kennen. Er verstand kein Wort Deutsch, und ich verstand kein Wort Russisch, und dennoch haben wir uns gleich verstanden und spielten oft zusammen im Garten des großelterlichen Hauses. Leider wurde sein Vater nach einigen Wochen versetzt und verließ Freiberg wieder mit seiner Familie. Ich war damals sehr traurig, dass ich nicht mehr mit Kolja spielen konnte.
Aber eines ist geblieben: Russische Menschen waren die ersten Ausländer, die ich in meinem Leben kennengelernt habe, und Russisch war die erste Fremdsprache, die ich leibhaftig habe sprechen hören.“ (W.S.)






