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    Gastbeitrag: Reise nach Smolensk,Teil 4

    Als unser Zug sich Smolensk näherte, es ist die erste Stadt nach der Grenze, war ich ziemlich aufgeregt und neugierig, was ich wiedererkennen würde. Der mintfarbene Bahnhof ist ein schönes, altes Gebäude. Ich habe ihn sofort wiedererkannt. Von diesem Bahnhof aus sind wir damals (1987) verreist. Eine Reise war damals mit der Gruppe, und einmal reiste ich mit meiner Zimmerkollegin auf eigne Faust nach Kaluga zu unseren Studienkollegen, die dort ein ganzes Jahr verbrachten. Damals waren die Bahnhöfe voller Menschen mit viel Gepäck, die lange Zeit warten mussten und teilweise auch schliefen. Man musste früher viel Zeit investieren, um die Reise zu vollenden.

    Also, dieser Bahnhof war mir vertraut.

    Ich wollte gleich die Rückfahrkarten kaufen, damit die Sache erledigt ist. Das war eine sehr gute Idee, denn, wie sich herausstellte, hätten wir fast keine mehr bekommen. Da man immer durch eine Kontrolle muss, wartete mein Mann draußen. Man zieht ein Billet und mit dieser Nummer wird man dann an den Schalter gerufen. Die Frau am Schalter war sehr freundlich. Ich verstand vieles nicht und entschuldigte mich für mein schlechtes Russisch. Es ist interessant, wenn man die Sprache nur teilweise versteht: man interpretiert die Aussagen, überlegt, was sie gefragt haben könnte und kommt dann schon zusammen. Im Nachhinein glaube ich, dass sie gefragt hat, ob wir Bettwäsche brauchen, weil es sich um einen Schlafwagen handelte. Sie malte mir dann die Betten auf, die wir aber dann bei der Rückfahrt gar nicht in Anspruch nahmen. (Der Zug fuhr weiter nach Kaliningrad, aber wir stiegen ja in Minsk schon wieder aus.)

    Diese Begegnung mit der netten Frau am Schalter, sie hieß Anna, ging mir nicht aus dem Sinn und ich hatte das Bedürfnis, mich bei ihr für ihre Geduld zu bedanken. Ich hatte zuhause kleine Geschenke vorbereitet, und ich ging ein paar Tage später in den Bahnhof und suchte Anna. Sie saß an einem anderen Schalter, erkannte mich von weitem und winkte mir zu. Das war etwas,was mich hoch erfreute. Ich musste eine Weile warten, weil sie Kunden hatte. Ich sprach ein paar Sätze mit ihr und übergab ihr das Geschenk. Wenn man so weit weg von daheim ist, fühlt man sich durch solche Begegnungen doch auch dort zuhause, es ist schwer zu beschreiben. Ich kann weder die Sprache richtig gut, noch könnte ich unbeschwert in dem Land leben, noch kenne ich mich gut aus. Aber in dem Moment, wo man in den Bahnhof geht, sich orientiert und das Ziel hat, Anna zu finden, und sie freut sich und winkt einem zu – dann ist für einen Moment irgendwie ein Band gewoben. Auch wenn das nur kurz ist, ich kann das immer wieder in Erinnerung rufen. Solche Erlebnisse machen die Reise aus. Auch heute fühle ich mich verbunden.

    Zurück zur Ankunft in Smolensk. Kein Taxi wollte uns fahren, man sagte uns, wir seien ganz nah. Es war ein Schreck: uns erwartete eine riesige Baustelle. Wir gingen mit unseren Koffern durch den Staub und standen dann schließlich vor dem sehr einfachen Hotel. Es war sehr schwierig, von zuhause aus ein Hotel zu buchen, da man es ja auch nicht bezahlen kann. Sie hatten aber auf Emails geantwortet und so haben wir uns dafür entschieden. Die Bedingungen waren einfach, innen war es aber mit alten Holzmöbeln und Holzdecken ausgestattet. Holzschnitzereien im Speisesaal erinnerten an die Zarenzeit. Es war insgesamt einfach, aber wir fanden uns zurecht.

    Wir fanden heraus, dass auf der Straße vor dem Hotel (Klein-)busse fuhren. Der Fahrpreis ist günstig und für alle Fahrstrecken gleich.

    Wir besuchten mehrmals einen großen Park, an den ich mich von meinem ersten Aufenthalt noch ein wenig erinnerte. Dieser Park wurde für uns zu einem Mittelpunkt des Aufenthalts: ein Fluss, auf dem man auch mit Gondeln fahren konnte, ein Denkmal für den Komponisten Glinka, bei dem auch Musik ertönte, Springbrunnen, durch die die Kinder hindurchliefen, ruhigere Abschnitte,wo man ich auf einer Bank zurückziehen konnte.

    Wir erlebten sehr klares Sonnenlicht, das die Farben in diesem Park wunderbar hervorbrachte.Die Luft war klar und frisch, wir fühlten uns in diesem Park wie in einem Luftbad und erholten uns sehr gut.

    Der Fluss, der durch Smolensk fließt, heißt Dnjepr. Er ist zwar sehr lang, aber bei Smolensk noch sehr jung. Den schönsten Blick auf den Fluss hatten wir flussaufwärts. Wir sahen einen alten Brückenrest, an dem sich gerne Jugendliche trafen. Der Blick von dort auf den Fluss war sehr anziehend.


    Am letzten Tag machten wir einen Ausflug nach Teremok (https://westundost.de/2026/08/04/reise-nach-smolensk-teil-1/).

    Teremok war um die Jahrhundertwende (19./20. Jh) ein Künstlerdorf, ca.25 km außerhalb von Smolensk. Es war nicht leicht, herauszufinden, wo der Bus abfährt. Wir fuhren durch ganz einfache Dörfer und sahen schlichte Häuser mit wunderschönen Gärten. Teremok ist ein schönes Naturgelände mit einigen alten Häusern mit typischer russischer Holzkunst.

    Das Spiel zwischen Sonne, Wind, Bäumen und Häusern war so bezaubernd, ich wünschte, ich hätte malen können. Die Kirche war eingezäunt, weil sie restauriert wird. Ein Moskauer fasste sich ein Herz und überwand den Zaun und wir taten es ihm gleich. Die Wiederbegegnung mit dem Jesusporträt von Nikolai Röhrich war sehr berührend. Junge Künstler haben dieses Kunstwerk restauriert. https://westundost.de/2026/05/25/ueber-nikolaj-roerich/

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    Gastbeitrag: Reise nach Smolensk,Teil 3

    Bevor ich die Reihe mit zwei weiteren Teilen fortführe, möchte ich hier auf ein sehr berührendes Video über diese Smolenskreise verweisen:

    Eine Reise, die vom Wunsch nach echter Begegnung getragen ist, strahlt entwicklungsfördernd auf die Menschen aus.

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    Polen und Russland

    Ich habe gestern auf youtube ein Gespräch zwischen Patrik Baab und dem polnischen Journalisten Jan Opielka angesehen.

    Polen wirkte auf mich in den letzten Jahren als konflikttreibend, was den Ukrainekrieg betrifft. Ich habe auch in meinem Umfeld Aussagen von Menschen aus Polen gehört, die starke Ressentiments gegenüber Russland zeigten.

    Opielka beschreibt im Gespräch, dass viele Polen anfangs sehr große Unterstützung für die Ukraine zeigten. Dies betraf nicht nur Waffenlieferungen und Logistik, sondern er sagt, dass anfangs 2 Millionen Polen Ukraineflüchtlinge bei sich aufnahmen. Inzwischen macht sich Ernüchterung und auch Skepsis breit.

    Opielka benennt Tragödien und Traumata aus der polnischen Vergangenheit. Er bezeichnet die „antirussischen Reflexe und Komplexe“ der Polen als nachvollziehbar, aber er sieht auch, dass die Ängste ins Irrationale gehen. Außerdem sieht er eine fast religiöse Anbindung an die USA, man unterstütze „blind“ alles, was sich gegen Russland richte. Dies werde zudem von Thinktanks und Medien verstärkt. Im Gespräch mit Herrn Baab zeigt er eine durchgängige Haltung, die ich als zutiefst humanes „nüchternes Mitgefühl“ bezeichnen möchte.

    Am Ende des Gesprächs zeigt er in beeindruckender Weise, wie er die „Wut“, die er im Zusammenhang mit dem Krieg verspürt, verarbeitet: Er singt ein selbstgeschriebenes Lied („Schwarzes Meer“), in dem er dazu aufruft, nicht „Bauer in dem Krieg“ zu sein.(„Sei kein Bauer in nicht deinem Krieg“)

    Das Gespräch hat mich nicht nur mit vielen Informationen über die polnische Geschichte und Interessen und Bedürfnisse der polnischen Bevölkerung bereichert, sondern hat mich auch bewegt: Wie fördert man eine realistische, rationale Beziehung zwischen Menschen und Völkern, wenn in der Vergangenheit so viele ungerechte, grauenhafte Taten geschahen? Wie kann man die spontanen Gefühlsaufwallungen, die oft die eigenen Haltungen und Handlungen leiten, läutern und auf ein besseres Niveau bringen? Ein Weg dazu scheint die Kunst zu sein.

    Eine gute Bekannte, die in einem „Ostblockland“ aufgewachsen ist, erzählte mir, dass die Menschen in ihrem Heimatland aufgrund der Vergangenheit Vorbehalte gegenüber Russland haben. Gleichzeitig machte sie mich aber auf das Lied von Wladimir Wyssozki „Über einen Freund“ aufmerksam. Echte Kunst berührt die Menschen und verbindet sie über die Nationen hinweg.

    Im Lied beschreibt Wyssozki, dass man einen Freund nicht im oberflächlichen Alltag erkennt, sondern erst, wenn man gemeinsam Prüfungen durchsteht.

    In der letzten Woche war ich in Dessau und erlebte dort ganz unerwartet den Künstler Tino Eisbrenner, wie er auf der Wahlkampfbühne des BSW eben dieses Lied vortrug. Daher hier noch eine ältere Aufnahme von Herrn Eisbrenner mit der deutschen Version des Liedes:

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    Gastbeitrag: Reise nach Smolensk, Teil 2

    „Eine Reise mit Bus und Bahn gegen Osten. Am Anfang möchte ich sagen, dass ich immer mehr beobachte, dass die Menschen Beziehungen möchten. Sie möchten sich begegnen, gegenseitig wahrnehmen. Und wenn ein aufmerksamer Blick mit Interesse oder mit einer Ansprache an jemanden gerichtet ist, so kam es mir manchmal vor, wie wenn der Andere sich freut und aus seiner schweren Last des Daseins erwacht, aufschaut, wie ein Licht bemerkt und freudig ins Gespräch geht.

    Wir haben bei unserer ganzen Reise die Erfahrung gemacht, wenn wir Menschen ansprechen, uns für sie interessieren, ihre Gesichter beobachten und wahrnehmen, sie fragen, wie sie leben und denken, dass wir immer ins Gespräch gekommen sind, sie sich gefreut haben. Es entsteht immer ein Licht der Freude, wenn man sich bemüht, Anteil zu nehmen, sich in die Mitmenschen reinzufühlen.


    Fahrt nach Warschau

    Wir fuhren mit einem Flixbus von Ostdeutschland nach Warschau. Die Fahrer waren Polen. Polen sind hervorragende LKW- und Busfahrer. Sie fahren souverän und mutig in die größten Innenstädte und sind auch geduldig. Die Arbeit ist schwer, sie müssen nebenher den Bus putzen, Toilette versorgen, Pässe kontrollieren, Gepäck einräumen, an den Grenzkontrollen Rede und Antwort stehen. Wir fühlten uns in guten Händen.

    Warschau West


    Die Fahrt war interessant, der Bus kam schon aus München. Der Bus ist eine günstige und umweltfreundliche Reisemöglichkeit, und man kommt auch gut mit den anderen Reisenden ins Gespräch. Wir kamen in Warschau-West an. Das Stadtviertel erschreckt zunächst etwas, man sieht in der Umgebung graue Hochhäuser, wie Klein-Manhattan. Das Gelände des Busbahnhofs war sehr dreckig, voller Müll. Es wird gebaut, wie überall. Wir sahen einen stark behinderten Bettler, der die Autofahrer an einer stark befahrenen Straße bei Rot um Geld anbettelte. In einem günstigen Hotel trafen wir auf sehr freundliches Personal, das sich um uns bemühte.

    Fahrt nach Vilnius

    Am nächsten Tag ging die Reise nach Litauen weiter. Die Landschaft wurde sehr schön. Wir kamen durch Masuren – eine sehr reizende Landschaft, sehr flach, wunderschöne Kiefernwälder. Was besonders auffällt: es gibt sehr viele Störche. Sie bauen sich ihre Nester in den Dörfern. Man sieht ab und zu Seen von der Straße aus. Der Himmel spannt sich weit auf, der Wald wirkt sehr frisch und gesund. Diese Gegend könnte man gut für einen Urlaub empfehlen. Auf dem Rückweg saßen wir im Bus oben ganz vorne und erlebten diese stundenlange Fahrt durch die Wälder noch mal sehr intensiv. Wir sahen viele Stände am Straßenrand, wo Menschen Pilze anboten. Die polnisch-litauische Grenze ist nicht besetzt, wir fahren einfach durch und landen in Vilnius.


    Vilnius erschreckt uns. Direkt am Busbahnhof, der auch voller Müll ist, begegnen uns viele betrunkene Menschen. Wir waren insgesamt drei Nächte in Vilnius (auf der Hin- und Rückfahrt) und hatten jedesmal wieder das gleiche Bild. Kaputte Straßen, verfallene Häuser, viele SecondHand-Läden, im Supermarkt sehen wir viel Alkohol in den Einkaufskörben. Wir suchen nach einer Einkehrmöglichkeit und landen in einem Hinterhofrestaurant. Junge Leute mit müden Blicken sitzen an den Tischen, unterhalten sich wenig und schauen vor allem ins Handy. Es fällt uns schwer, in Vilnius mit Menschen in Kontakt zu kommen. Ein netter Kellner sagte uns bei der Rückreise, dass diese Ecke der Stadt nicht schön sei, er empfahl uns aber die schöne Innenstadt. Dies war uns aber aus Zeitgründen diesmal nicht möglich.

    Fahrt nach Minsk


    Auf der Weiterfahrt nach Minsk in Weißrussland hatten wir litauische Fahrer. Der Grenzübergang war schwierig, es hat sehr lange gedauert, die litauischen Grenzbeamten, sehr junge Frauen, erschienen reserviert und unterkühlt. Im Bus kamen wir mit einem jungen Spanier und seinem Vater ins Gespräch, die dann nach Moskau und St. Petersburg weiterreisen wollten. Immer mehr Menschen beteiligten sich am Gespräch, so z. B. ein Deutscher, der jetzt in Belarus lebt. Durch diesen lebendigen Austausch haben wir den langwierigen Grenzübertritt etwas leichter nehmen können.

    Es ging weiter nach Minsk. Der Weg von Vilnius nach Minsk ist nicht weit, durch den Grenzübertritt, hat es aber doch sechs Stunden gedauert.

    Minsk ist eine sehr moderne, riesige Stadt. Das Hotelpersonal war sehr nett. Die Stadt zeigte sich sauber und gepflegt. Die Häuser sind teils modern, teils restauriert. Man sieht teure Autos. Die Frauen sind mir aufgefallen: sehr schlank, lange Haare, schön gekleidet. Viele scheinen gerne sehr hohe Absätze zu tragen. Manchmal hatten wir aber das Gefühl, dass die eine oder andere auf Kunden wartete.

    Im Botanischen Garten war ein Musikfestival, viele Pavillons, in denen junge Studenten musizierten., mit einer Geigerin kamen wir ins Gespräch.

    Die Kirche für die Gefallenen und Ermordeten aller Kriege hat uns sehr beeindruckt: Frische, bunte Bilder und ein funkelnder Marmormosaikfußboden. Daneben war eine Holzkirche. Frauen müssen ein Kopftuch aufsetzen, es werden viele Kerzen angezündet. Viele Frauen sind hier in der Kirche (wohl ehrenamtlich) aktiv und kümmern sich um die Ordnung. Ich hatte beobachtet, dass Frauen etwas auf einen Zettel schreiben und Geld bezahlen. Ich fragte, was dies bedeutete. Ich verstand zwar die Antwort nicht, aber es entstand ein herzliches Gespräch und wir wurden mit Heiligenbildern und Segenswünschen bedacht.

    Viele Menschen gingen essen, wir sahen keine Armut, aber uns sagten mehrere Menschen, dass das Gefälle zwischen Stadt und Land sehr groß ist.

    Fahrt nach Smolensk

    Im modernen Zug geht es weiter nach Smolensk. Smolensk ist die erste Stadt, in der der Zug hält. Den Grenzübergang haben wir gar nicht mitbekommen. Der Zug fährt dann weiter nach Moskau (es wären noch 4 Stunden) und St. Petersburg.

    Am mintfarbenen Bahnhof, den ich noch gut in Erinnerung hatte, kamen wir an.“ (Y. P.)

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    Gastbeitrag: Reise nach Smolensk, Teil 1

    Wenn man Frieden nicht nur als Abwesenheit von Kampfhandlungen, sondern in einem umfassenderen Sinn versteht als Interesse am Anderen, als Wunsch, den Anderen in seiner Entwicklung zu fördern und gemeinsam wachsen zu wollen, dann kann es ein wertvolles Unterfangen sein, auf die andere Seite zuzugehen.

    Während die Bundesbürger, die im Westen aufgewachsen sind, oft nur über Literatur und Kunst einen Bezug zur Sowjetunion hatten, so sind viele ehemalige DDR-Bürger in direkten Kontakt gekommen, über berufliche Kontakte oder z.B. über Austauschprogramme.

    Die nächsten Beiträge stammen von einer Gastautorin, die im Winter 1987/88 ein halbes Jahr in Smolensk verbrachte. Nun reiste sie im Juli 2026 wiederum nach Smolensk und schildert hier ihre Eindrücke.

    Auf nach Smolensk

    „1987 war ich Studentin an einer Hochschule und habe unter anderem Russisch studiert. Diese Sprache ist mir sehr, sehr schwer gefallen. Ein Bestandteil des Studiums war ein Auslandsaufenthalt in Russland, entweder für 6 Monate oder für ein Jahr. Dieser Auslandsaufenthalt hat mich gereizt, ein ganzes Jahr habe ich mir aber nicht zugetraut. Das Land war damals in furchtbaren Zuständen. Es fand ein Ausverkauf statt, es gab skrupellose Geschäftleute aus dem In- und Ausland, die sich bereicherten und das Land in die Armut führten. Die Regierung hatte sich damals nicht gekümmert. Wir sind mit dem Zug gefahren, die Fahrt ging drei Tage und drei Nächte. Wir sind auch viel gestanden, der Zugverkehr war damals nicht wie heute. Wir waren eine große Gruppe von Studentinnen, und ein Dozent fuhr mit uns mit.

    Das Internat

    Ich erinnere mich an den erschütternden Anblick des Internats, wo wir für das halbe Jahr leben sollten. Es war ein Haus, das vom Fundament her schon abgerutscht war. Es machte den Eindruck, es würde nicht mehr lange halten, und wir trauten uns fast nicht, den Fahrstuhl zu benutzen. Das Zimmer, wo wir wohnen sollten, glich eher einer Strafanstalt als einem Internat. Ein kleiner, alter Holzschrank, ein Regal, alte Fenster, durch die die Kälte des Winters hereinkroch, ein Tisch, zwei Stühle. Die Betten wie aus einem Metallgitter mit alten Matratzen drauf. Für uns war das sogenannte Bad aber noch mal eine ­harte Herausforderung: Es gab nur ein kleines Waschbecken und über einen Monat kein warmes Wasser, das war nach über drei Tagen Zugfahrt nicht sehr angenehm. Ich erinnere mich, dass wir uns mit Geschick und Fantasie aber so einrichteten, dass jeder Zahnputzbecher doch seinen Platz fand, und dass wir die Toilette benutzen konnten, ohne uns zu ekeln. Wir hatten auch Sachen mitgenommen, mit denen wir uns das Zimmer verschönern konnten. Als wir ankamen, wollte meine Zimmerkollegin uns einen schönen Tee kochen. Sie hatte einen wunderbaren Tee, der in der DDR sehr teuer war, dabei. Wir freuten uns schon sehr darauf. Als sie mit den Teetassen ankam, schwamm eine weiße Schicht obenauf, das Wasser war sehr verkalkt.

    Erstes Kennenlernen

    Es war gut, dass wir jung waren. Es kam uns hart an, aber mit der Zeit gewöhnten wir uns an alles und nutzten die Zeit.

    Ich las unter anderem Dostojewski und wir wühlten uns durch die russische Geschichte.

    Die Armut war groß unter den Menschen. Wir wussten anfangs nicht, was wir kochen sollten. Gemüseläden gab es nicht, wir fanden nur Läden vor, in denen es Gläser mit Rot- und Weißkraut gab. Etwas Frisches fanden wir nicht. Schließlich machten uns Bekannte, junge russische Männer, die uns in den nächsten Monaten auch öfter ausführten, auf einen Schwarzmarkt aufmerksam. Wir suchten diesen auf und waren erstaunt: da gab es alles in Hülle und Fülle. (Auch heute ist es in Smolensk noch so, dass die Menschen aus den umliegenden Dörfern in die Stadt fahren und, auf kleinen Holzkisten sitzend, ihre unglaublich guten Produkte anbieten.) Damals wurden auch Vögel und ganze, abgetrennte Tierköpfe verkauft (was für uns natürlich furchtbar war). Wir erstanden damals frisches Obst und kauften Auberginen. Die kannten wir aber noch gar nicht, es gab sie bei uns nicht. Wir brieten sie an und fanden sie ganz vorzüglich.

    Kälte und Erschwernisse

    Es war ein sehr, sehr harter Winter. Ich kann mich an die Kälte erinnern. Wir versuchten, die Kälte mit kleinen Heizgeräten im Zimmer zu lindern, überforderten aber damit öfter die Sicherung. In Smolensk liefen auch viele Hunde herum, manche mit nur drei Beinen, die hungrig waren. Es lag viel Müll herum, viele spuckten auf die Straße. Es war eine Zeit, in der viel Alkohol konsumiert wurde, viele Menschen standen danach Schlange.

    Ausflüge

    Unsere Studentengruppe unternahm viele Ausflüge. Wir waren in Moskau und St. Petersburg. Aber am meisten erinnere ich mich an das eiskalte und kristallklare Nowgorod. Es war so kalt und faszinierend. Wir wärmten uns in der Kirche an den Kerzen. Den Kreml und vor allem die glasklare Winterluft mit der Sonne – das habe ich in sehr guter Erinnerung behalten.

    Einen Ausflug haben wir mit unseren russischen Bekannten gemacht: wir sind weit rausgefahren und dann durch den Wald gelaufen. Plötzlich standen wir vor einer alten, verfallenenen Holzkirche. Darauf war ein Mosaik mit einem Jesuskopf. Alles war verblichen und wie ich heute erfuhr, hatte man damals in dieser Holzkirche Düngemittel gelagert. Um die Situation in der Sowjetzeit zu verstehen, lohnt es sich, Stefan Zweigs „Reise nach Russland“ zu lesen. Man hat damals diese Kunstschätze nicht geschätzt. Der Jesuskopf an der Kirche hat mich damals tief beeindruckt und so war es ein großes Glück, dass ich ihn auf unserer Reise in diesem Jahr wiedersehen konnte.

    Die Eindrücke, die geblieben sind

    Ich erinnere mich an die Menschen, die uns dort aufgenommen und uns unser Dasein dort erträglich gemacht haben. Wir waren sicher in den Auge der Russen „verwöhnt“. Der DDR ging es damals viel besser, wir hatten eine schöne Wohnung mit Heizung und fließend warmen Wasser, ein Bad mit Wanne und ein Klo mit Wasserspülung. Wir hatten in dieser Zeit eigentlich auch keine Geldnot. Wir konnten uns relativ viel kaufen und haben uns nun Gemüse auf dem Schwarzmarkt gekauft.

    Die Dozenten waren alle sehr nett und überhaupt: wenn wir es mit den russischen Menschen zu tun hatten, so war irgendwie immer Heiterkeit und Freundlichkeit anwesend.

    Von Smolensk 1987/88 sind mir keine konkreten Bilder, sondern eher Eindrücke, eher ein Empfinden zurückgeblieben: das hat mit der Geschichte, der Literatur und den Menschen zu tun. Auch wenn mir die Sprache schwerfiel, haben wir uns mit diesem Land verbunden gefühlt. Man muss dazu sagen, dass wir wirklich sehr jung waren. Ich habe damals auf dieser Reise das Land nicht sehr tief aufgenommen, aber ich weiß, in den kalten Tagen, als ich auf dem Bett gelegen habe und Dostojewski oder russische Geschichte gelesen habe, war ich tief bewegt. Die russische Geschichte sollte man kennen, um das ganze Land zu verstehen.

    Damals hätte ich nie gedacht, dass ich diese Stadt wiedersehe, denn die Verbindung zu Russland ist erst mit den Lebensjahren entstanden und hat sich tiefgründig durch die Literatur, die Musik, die Kunst ausgearbeitet. Spontan bin ich auf die Stadt als Reiseziel gekommen, weil hier ein Anknüpfungspunkt bestand.“ (Y.P.)

  • Anknüpfungspunkte

    Übergänge

    Perspektivenwechsel

    Neulich war ich paddelnd am See unterwegs und betrachtete dieses Seerosenfeld.

    Man sieht das Wasser, die Seerosenblätter, die Seerosen, das Schilf und dahinter die Laubbäume. Ich kenne diesen Ort auch von der anderen Seite her:

    Ein Weg unter den Bäumen hindurch zu einem kleinen Badeplatz. Man ahnt das Schilf, von den Seerosen und vom See ist nichts zu sehen. Man blickt aus dem Dunkeln ins Licht. Der Eindruck ist ein ganz anderer.

    Es ist oft so, dass wir Orte, Dinge, Menschen immer wieder aus einer ähnlichen Perspektive sehen. Dann ist es eine sehr belebende Übung, sich ganz konkret vorzustellen, wie das von einem anderen Standpunkt aus aussehen würde.

    Die Ausstiegsstelle mit dem Kajak. Welcher Anblick wird sich zeigen, wenn ich mich an Land umdrehe? Ich verweile und stelle es mir konkret vor.

    Es ist schön, wenn man die eigene konkrete Vorstellung auch mit der Wirklichkeit abgleichen kann, wie hier.

    Durch diesen Perspektivwechsel präzisiert sich die Wahrnehmung, die Vorstellungskraft wird trainiert und man wird auch wendiger darin, eigene Fehlvorstellungen zu erkennen und zu korrigieren.

    Übergänge

    Am ersten Foto in diesem Beitrag zeigt sich der Übergang vom Wasser zum Land: die Seerosen, dann das Schilf, dann die Bäume. Der Übergang vom Wasser zum Land kann vom Menschen gestaltet und dadurch erleichtert werden, als Beispiel zeige ich hier ein Bootshaus:

    Das Bootshaus ermöglicht einen geordneten Übergang vom Land zum Wasser. Vom Land her ist es wichtig, einen guten Zugang zu haben. Eine Straße in der Nähe, einen guten Weg zum Bootshaus, vielleicht noch einen wettergeschützten Sitzplatz? Die Sachkenntnis und Wahrnehmungsfähigkeit des Erbauers kann den Benutzern den Übergang vom Land zum Wasser erleichtern.

    Vom Wasser her kommend, braucht der Ruderer eine gute Einfahrt. Der Bootshauserbauer berücksichtigt beim Bau die Ufergegebenheiten, die Himmelsrichtungen, den Wechsel des Pegelstandes, die verwendeten Boote und vieles mehr. Wie wird das Bootshaus auf der anderen Seite aussehen?

    Oh… – wer beim vorigen Foto genau hingeschaut hat, hat es vielleicht schon geahnt: der Wasserspiegel ist derzeit so niedrig, dass das Bootshaus seiner Funkton nicht nachkommen kann.

    Auch beim Aufeinandertreffen von Mensch zu Mensch oder beim Aufeinandertreffen von Kulturen ist der Perspektivwechsel hilfreich, darüber hinaus erleichtern Takt und Empathie die gelungene Begegnung.

    Diesen Übergang, diesen Begegnungsraum, aufmerksam zu betrachten und zu gestalten, kann bereichernd sein.

    In diesem Video zeigt der Landwirt Martin Ott ab Minute 37:25 bis 40:20, welchen Mehrwert ein gestalteter Übergangsbereich in der Natur bietet. Er kann diesen Übergangsbereich kundig gestalten, da er sowohl (in diesem Beispiel) den Wald als auch die Wiese kennt.

    Als Mittler zwischen Kulturen möchte ich hier Ahmet Aydin vorstellen:

    Ein junger Dichter, der mit der Spiritualität des Islam vertraut ist und als junger Mann seine Liebe zu den Weimarer Künstlern entdeckte.

    https://www.instagram.com/westoestlicherpoet

    Ein Mensch, der beide Kulturen kennt und Brücken bauen kann und will.

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    Über die Wahrheit

    Im letzten Beitrag ging es unter anderem darum, die Feigheit zu betrachten als Zurückschrecken vor der Wahrheit.

    2020 begegnete mir auf Demonstrationen mehrfach ein Mann, der ein übergroßes Gandhiplakat mit sich führte. Ohne Slogans, einfach nur das Bild.

    Diese Hinwendung, an heißen Sommertagen über weite Strecken das riesige Porträt eines lange verstorbenen Mannes mitzuführen, beeindruckte mich sehr und regte mich an, mich mit dem Leben von Gandhi auseinanderzusetzen. Ein Begriff, der mich faszinierte, ist satyagraha, auf Wikipedia wird er als „Festhalten an der Wahrheit“ oder „Ergreifen der Wahrheit“ übersetzt. Diese Übertragungen ins Deutsche halte ich jedoch für irreführend, weil man sich schnell eine Vorstellung von der Wahrheit machen könnte als etwas, das man „haben“ und „vor sich her tragen“ könne.

    Die gegenwärtige Schwierigkeit vieler Menschen, wirklich in aufrichtige Begegnungen zu finden, mag auch daran liegen, dass viele Menschen meinen, Wahrheit bereits gefunden zu haben.

    Hier hilft aber sogar Wikipedia weiter: „Während der Lebenszeit kann die Wahrheit nicht als Ganzes erkannt werden“ steht auf einer Skizze, die auf dem Satyagraha-Artikel veröffentlicht ist. Es geht also vielmehr um das „Streben nach Wahrheit“.

    Ich hatte mir vor ein paar Jahren einen schönen Satz abgeschrieben: „Satyagraha ist eine unermüdliche Suche nach Wahrheit und die Entschlossenheit, die Wahrheit zu erreichen. Man hält an der Wahrheit fest und lässt die Unwahrheit los, egal wie schwierig es sich erweist.“

    Nun wollte ich nachprüfen, wo der Satz veröffentlicht wurde, aber ich fand ihn nicht mehr. Es geht mir immer öfter so, dass ich mich darauf verlasse, etwas mit einer Suchmaschine schon wiederzufinden, und dann ist es aber gelöscht oder aus anderen Gründen nicht mehr auffindbar.

    Dennoch finde ich diese Aussage zu Satyagraha aufschlussreich, da es nicht naiv und vereinfachend ist, sondern darauf verweist, dass das Unterfangen ein schwieriges sein wird und dass man auf dem Weg auch etwas los- und zurücklassen muss (die Unwahrheit).

    Die hohe Anforderung einer Wahrheitssuche und den Ernst, der sie begleitet, stellte Heinz Grill auf seiner Homepage im Beitrag über Satya, Wahrheit, Logik und Unlogik sehr anschaulich dar. Das Bild und der untenstehende Text ist ein Ausschnitt seines Artikels.

    Der ganze Artikel ist sehr zu empfehlen und erweitert und vertieft die Idee des Satyagraha.

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    Der Meister und Margarita

    Eine Freundin wies mich darauf hin, dass vor kurzem Michail Bulgakows 135. Geburtstag gefeiert wurde und dass dieser Autor in Russland sehr geliebt wird. Ähnlich wie Goethes Faust thematisiert Bulgakows großes Werk „Der Meister und Margarita“ Gut und Böse, das Streben der Menschen, ihre Schwächen und Verstrickungen. Eine zentrale Aussage des Romans ist, dass die Feigheit die größte Sünde des Menschen sei.

    Was ist die Feigheit eigentlich?

    „Im Brockhaus von 1894 wird die Feigheit beschrieben als ‚habitueller Zustand des Gemüts, in welchem sich der Mensch vor Gefahren oder Schmerzen in dem Grad scheut, daß dadurch einesteils seine Freiheit und Thatkraft gelähmt, andernteils sein Gefühl für Ehre und Schande abgestumpft wird.‘ “ (aus wikipedia). Dadurch behindert sich der Mensch eigentlich selbst, er verschattet sich und verweigert sich den Entwicklungsschritten, die für ihn zur vollen Entfaltung seiner selbst nötig wären.

    Im Roman wird deutlich, dass die Feigheit, wenn also Menschen die Wahrheit erkennen oder erahnen, aber aus Verhaftungen an niederen Motiven nicht der Wahrheit entsprechend handeln, weitreichende Folgen hat. Im Handlungsstrang mit Pontius Platus wird aufgezeigt, wie seine eigene Feigheit weite Kreise zieht und Menschen in seinem Umkreis mitvereinnahmt. Pilatus selbst ist dazu verurteilt, seit fast 2000 Jahren in jeder Vollmondnacht an Schlaflosigkeit zu leiden. Er ist unruhig, ohne Frieden und wird an seine Schuld erinnert. Er sieht nicht das wahre Licht, die Sonne, sondern leidet im reflektierenden Licht des Mondes.

    Erlöst wird Pilatus schließlich durch das künstlerische Werk des „Meisters“, der in einem Roman mit Wahrheitsstreben und Mitgefühl das Schicksal des Pilatus nachzeichnet.

    Michail Bulgakow (1891 – 1940)

    Neben diesem Handlungsstrang beinhaltet der Roman eine Beschreibung Moskaus nach der Revolution, die Angst vor und die Anbindung an gesichtslose Autoritäten (z.B. die Miliz), die Allgegenwart von Zensur, Überwachung und Kontrolle. Manche Beschreibungen wirken auch aus der heutigen gesellschaftlichen Situation erschreckend vertraut. Ebenso bietet der Roman eine fulminante, groteske und überaus lustige Beschreibung, was die Erscheinung des Teufels in der Moskauer Gesellschaft auslöst.

    Im Faust beschreibt Goethe, dass erlöst werden kann, „wer immer strebend sich bemüht“. Unterstützt durch „das ewig Weibliche“ kann der Mensch sich erheben.

    Bei Bulgakow wird noch etwas anderes betont: das Mitgefühl eines anderen Menschen. Die Hinwendung von Margarita zum Meister, vom Meister zu Pilatus, von Margarita zur Kindsmörderin Frida, von Jeshua zu allen Menschen (er sieht in jedem Menschen das Gute).

    Dieser Roman ist nicht nur ein großes Lesevergnügen, er enthält auch viele Motive, die man noch lange Zeit in sich bewegt und vertieft. Ein wahres Kunstwerk

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    Das Herz

    Was war nun Roerichs Reise nach Asien (ab 1923)? Eine wissenschaftliche Expedition? Eine spirituelle Suche? Eine persönliche Heldenreise? Ein besonders schaffensfreudiger Lebensabschnitt eines Künstlers? Jeder mag, wenn er Interesse hat, selbst weiterforschen. Ich erlebe die Auseinandersetzung mit seinem Werk als zentrierend und weiterführend.

    Hier möchte ich Roerich selbst zu Wort kommen lassen und einige Zitate von ihm anführen:

    „Das Bild von Ost und West, also die Vorstellung zweier Teile, die nie zusammenfinden werden, ist bereits jetzt ein verstaubtes Relikt unserer Gedankenwelt. Wir schämen uns, jemals geglaubt zu haben, daß künstlich errichtete Mauern real seien und daß durch sie die beste menschliche Qualität teilbar sei: der Impuls der kreativen Entwicklung. Nun sehen wir sich gegenüberstehen, was wir als den Westen und den Osten bezeichneten. Durchdringend schauen sie einander an. Sie können die engsten Freunde werden und Gemeinsames schaffen.“

    „Der wahre Frieden, die wahre Einheit wird vom menschlichen Herzen ersehnt. Es strebt danach, schöpferisch und aktiv zu arbeiten, denn seine Arbeit ist eine Quelle der Freude.“

    „Für die Liebe muss man das Herz öffnen und kultivieren. Aber welches ist der Zugang, wenn nicht der Schlüssel des Schönen?“

    Hierzu eine persönliche Anmerkung von mir: ich denke nicht, dass Roerich das Schöne als etwas sentimentales, oberflächliches meinte. Schönheit ist immer auch eine Frage der Proportionen, der Gestaltung. Und dadurch sind Ordnung und Wahrheit mit dem Empfinden von Schönheit verbunden.

    Zum Abschluss der Beiträge über Nicholas Roerich noch einige Bilder:

    Und wir arbeiten, 1922

    Und wir öffnen die Pforten, 1922

    Zoroaster, 1931

    Er, der eilt, 1924

  • Anknüpfungspunkte

    Über die Jugend

    Während seiner Zeit in New York gelang es Roerich, seine Idee der Wertschätzung und des Schutzes der Kulturgüter der Menschheit so auszuarbeiten dass der Roerichpakt später auch wirklich als völkerrechtlicher Vertrag von 21 Ländern unterzeichnet wurde.

    Dieses Zeichen des Roerichpaktes symbolisiert die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft, vereint in einem Kreis, der auf die Ewigkeit verweist.

    Die Ideen, die Gedanken und Ideale der vorausgegangenen Menschen sollen nachempfunden und weitergestaltet werden.

    Das Zeichen mit den drei Kreisen ist auch in manchen seiner Bilder wieder zu finden:

    Der weiße Stein, 1933

    Pax Cultura, 1931

    Swetoslaw Roerich, einer der Söhne meinte: „Mein Vater glaubte nie, daß irgendein Pakt oder irgendeine Art von Papier wirklich die Menschheit in ihre Grenzen verweisen und ihre Kulturschätze schützen könne. Es ist Sache der Erziehung, die Menschen langsam dazu zu bringen, den Wert der Kunstwerke dieser Welt zu erkennen, je größer die Errungenschaft, um so höher die Ziele der Menschheit.“

    (zitiert nach Kenneth Archer: Nicholas Roerich, 1999, S. 129)

    Zum Abschluss dieses Beitrags noch ein paar sehr inspirierende Gedanken von N. Roerich zur Jugend und zur Erziehung:

    „Viele greifen die Jugend an. „Sie ist in den Sport vertieft.“ (…) „Sie verlässt ihre Familie.“ „Sie bevorzugt Jazz.“ „Sie meidet Vorlesungen.“ „Sie mag keine Bücher und will nicht lesen.“ Es gibt wenig, was man über junge Menschen nicht sagt. In jedem Fall gab es wohl gewisse Gründe, einen der oben genannten schwerwiegenden Vorwürfe zu äußern. Selbst in der Tagespresse findet man immer wieder Fakten, die das Gesagte zu bestätigen scheinen. Nehmen wir an, dass all dies wahr ist. Aber wenn wir uns die Gründe für das Geschehen ansehen, dann muss die ältere Generation zur Rechenschaft gezogen werden, bevor wir junge Menschen beschuldigen.

    Gibt es viel Herzlichkeit in der Familie? Ist das häusliche Umfeld attraktiv? Besteht die Möglichkeit, inmitten des modernen Lebens ernsthafte Bestrebungen zu hegen? Gibt es etwas Führendes und Reizvolles an einer häuslichen Umgebung? Neigt sich selbst die ältere Generation humanitären Themen zu? Wer hat den Weg zum Materialismus gewiesen? Wer hat das Haus verraucht? Haben die Jugendlichen den Haushalt mit alkoholischen Getränken gefüllt? Will die Familie mit den Jugendlichen reden? Sehnt sich die Familie nach der Zukunft?…“

    (Ausschnitt aus: Jugend (1933)in: Pax per Cultura. Aus dem literarischen Nachlass von Nikolaj Roerich, herausgegeben von der Deutschen Roerich-Gesellschaft 2025)